Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 1 Erste Etappe: Suche nach den Wurzeln

In Berlin 1941 trafen sich zwei junge Menschen. Der erste Blickkontakt war lebensbestimmend. Sie verliebten sich heftig ineinander, sehr zum Entsetzen der Mutter, denn die junge Frau war bereits verlobt. Die Verlobung wurde kurzerhand aufgelöst, und die beiden Verliebten heirateten. Das waren meine Eltern.

Meine Eltern: Ursula und Gottfried Thilo
Meine Eltern: Ursula und Gottfried Thilo

Auf der Suche nach ihren Wurzeln und somit meinen eigenen führte mich der Weg nach Schleswig-Holstein, nach Fissau/Eutin. Hier wohnten die Eltern meines Vaters Gottfried Thilo.

Mein Großvater starb in den 1920er Jahren an einer Kopfverletzung aus dem 1. Weltkrieg und ließ seine Frau Helene mit zwei Söhnen allein. Wann sie aus dem großen Haus auszog, um in Berlin zu leben, weiß ich nicht. Ich vermute, daß sie mit Beginn des Hitler-Regimes umzog. Ihre beiden Söhne mußten ja in den Krieg.

Mein Vater, Gottfried Thilo, Oktober 1944
Mein Vater, Gottfried Thilo, Oktober 1944
Mein Vater Gottfried Thilo, geb. 1913, wollte eigentlich Pharmazie studieren, aber eine Allergie zwang ihn, das Studium aufzugeben. So hatte er sich, da sich ihm zu der Zeit keine andere Möglichkeit bot, 1933 freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. In der „Legion Condor" flog er Einsätze mit den Franco-Truppen in Spanien. Die Flieger wurden für diesen Einsatz mit besseren Aufstiegschancen und einer höheren Besoldung angeworben.

1941 wurde er Kommandant des Fliegerhorstes Märzdorf, Kreis Ohlau bei Breslau. Mit fortschreitendem Krieg stellte er sich in einer Widerstandsbewegung gegen Hitler. Meine Mutter erzählte von geheimen Treffen, bei denen sie aber nicht wußte, was dort verhandelt wurde.

Der zweite Weg, die Wurzeln meiner Eltern zu erkunden, führte mich nach Nordrhein-Westfalen, zum einen nach Düsseldorf und zum anderen nach Bad Oeynhausen.

Meine Urgroßeltern Roethemeyer
Meine Urgroßeltern Roethemeyer
Mein Großvater von Seiten meiner Mutter, Friedrich Oehler, stammte aus einer Beamtenfamilie und war beruflich in die Fußstapfen seines Vaters gestreten. Meine Großmutter Elfriede entsprang der Gastwirtsfamilie Roethemeyer in Bad Oeynhausen. Mit drei großen Brüdern wuchs sie in strenger Obhut auf. Es herrschten strenge Regeln in dieser Familie. Die Eltern mußten mit „Sie" angeredet werden, die Kinder standen bei Tisch, bekamen ihr Essen zugeteilt und sollten schweigen. Meine Urgroßmutter habe ich als eine körperlich kompakte, sehr resolute Herrscherin in ihrem Reich in Erinnerung behalten. Ein paar Mal haben wir sie Anfang der 1950er Jahren besucht. Mein Urgroßvater hat mir das Schwimmen beigebracht: einfach ins Wasser und nun schwimm schön. Trotz des Schocks lernte ich, mich über Wasser zu halten und fort zu bewegen.

Im Kaiserreich war Bad Oeynhausen ein sehr bekanntes Kurbad. In der Nähe gab es eine Garnison der kaiserlichen Armee. Außerdem waren viele französische Soldaten dort stationiert. Meine Großmutter Elfriede hatte ihre Kindheit im Kaiserreich verbracht und erinnerte sich in ihren Erzählungen aus der damaligen Zeit noch an die Feiern zu „Kaisers Geburtstag". Auch erklärte sie mir, wieso das Brot „Pumpernickel" so heißen soll: ein französischer Soldat, nur an Weißbrot gewöhnt, probierte einmal dieses schwarze Brot und rief, es sei nur „bon pour nickel". Ob dies stimmt oder nicht, sei dahingestellt.

Mein Opa, der Filou
Mein Opa, der Filou
Das junge Paar
Das junge Paar
Als junges Mädchen wurde sie, wie andere „höhere Töchter", in Pension geschickt, um zu einer tüchtigen Hausfrau und Mutter herangebildet zu werden. Eines Tages stand sie am Fenster und sah unter sich auf der Straße einen stattlichen, jungen Offizier gehen. Flugs fiel ihr Spitzentaschentuch herunter und dem jungen Friedrich Oehler genau vor die Füße. Ein Blick nach oben genügte, um sich in dieses hübsche, junge Mädchen zu verlieben. Es ist wie die Geschichte aus einem Groschenroman, aber wahr. Um dieses Spitzentaschentuch der nun Angebeteten zurück zu geben, machte er die Aufwartung in ihrem Elternhaus und hielt gleich bei ihren Eltern um die Hand der Tochter an. Nach angemessener Verlobungszeit, durften beide heiraten.

Beamtenhaus des Rudolf-Virchow-Krankenhauses
Beamtenhaus des Rudolf-Virchow-Krankenhauses
Die Familie Oehler
Die Familie Oehler
Sie zogen nach Berlin, und mein Großvater erhielt die Stelle eines Verwaltungsdirektors im Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus. Die Eheleute bezogen das dortige Beamtenhaus. Im Jahr 1919 wurde meine Mutter Ursula geboren und ein paar Jahre später kam der ersehnte Sohn Hans-Georg dazu.

Großvater Oehler war wohl ein Filou, das sieht man seinem Gesichtsausdruck schon an. Er hatte wohl etliche Frauengeschichten und meine Oma Oehler wurde deswegen im Lauf ihrer Ehe immer verbitterter und auch böse.

Meine Mutter, zwei Tanten, Onkel Hans-Georg, meine Oma Oehler
Meine Mutter, zwei Tanten, Onkel Hans-Georg, meine Oma Oehler
Meine Mutter mit meinem Onkel Hans
Meine Mutter mit meinem Onkel Hans
Meine Mutter in BDM-Uniform
Meine Mutter in BDM-Uniform

Wie alle jungen Mädchen war in der Hitler Zeit auch meine Mutter im BDM (Bund deutscher Mädchen), trug eine entsprechende Uniform und nahm begeistert an den gemeinsamen Ausflügen in die Umgebung Berlins teil. Nach dem Abitur mußte sie ins sogenannte „Pflichtjahr". Sie wurde ins Reichsforstamt beordert, um im Büro zu arbeiten. Stenographieund Schreibmaschineschreiben lernte sie dort. Dies war nicht schlecht für ihr späteres Leben.

Wie zu Beginn meiner Wanderung geschildert, heirateten meine Eltern Ursula und Gottfried am 14. März in Berlin und zogen zusammen nach Ohlau bei Breslau auf den Fliegerhorst.

Im Dezember 1942 kam mein Bruder Hans-Jörg auf die Welt.

Meine Eltern lebten glücklich in ihrem Häuschen mit Garten, trotz des Kriegsgeschehens um sie herum.