Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 2 Zweite Etappe: Geburt und Krieg

Meine Taufe in Breslau
Meine Taufe in Breslau
Am 12. Mai 1944 stand meine Geburt an, und meine Mutter fuhr mit dem Pferdewagen - es gab keine andren Transportmittel - zum Krankenhaus in Breslau. Kaum dort angekommen wollte ich unbedingt auf die Welt, denn ich war ganz schön durchgschüttelt worden auf dem Weg in die Klinik. Meine Mutter war noch bekleidet und so ging ich „in die Hose". Als mein stolzer Vater mich sah, mit meinen schielenden Augen, sagte er: „Da ist ja mein kleiner Neandertaler".

In den ersten Monaten meines Lebens war die Lage um Breslau herum noch recht friedlich. Doch Anfang 1945 rückte die sowjetische Armee immer weiter gen Westen vor.

Das Grab meines Vaters
Das Grab meines Vaters
Mein Vater war inzwischen ins Ruhrgebiet abkommandiert, um gegen die westlichen Alliiertenzu kämpfen. Im Februar 1945 traf ihn bei der Rettung eines Kameraden der Querschläger einer Granate tödlich. Nun liegt er in der Eifel auf dem Heldengedenkfriedhof im Hürtgenwald bei Ginnickbegraben.

Meine Mutter wußte bis zum Dezember 1945 nicht, ob er noch lebt.

Kurz vor Weihnachten 1945 erhielt sie eine Postkarte, auf der sie die traurige Gewissheit erhielt: Ihr Ehemann und der Vater ihrer beiden Kinder war gestorben.


Ein Angehöriger der Kompagnie, die Major Gottfried Thilo geführt hatte, gab der Familie nähere Informationen. Sein Brief erreichte unsere Familie jedoch erst nach der Karte.


Kurz bevor Breslauvon der sowjetischen Armee eingenommen wurde, suchte meine Mutter die ihrer Meinung nach wichtigsten Dinge zusammen: Papiere, Geld, Kleidung für sich und uns Kinder, Spielsachen und Windeln. Mit dem Gepäck, meinem Bruder und mir im Kinderwagen erreichte sie den letzten Lazaretttzug, der Richtung Berlin fuhr. Der Zug war überfüllt mit ängstlichen Menschen jeder Altersgruppe.

Sie erzählte mir später, daß zwei englische Soldaten mit uns im Abteil saßen und sich „rührend" um uns Kinder kümmerten. Zu spät entdeckte sie, daß ihr Portemonaie und alle Papiere fort waren. Welch ein Verlust! Nach Kriegsende jedoch erhielt sie einen dicken Brief. Er enthielt ihre Papiere und das gesamte, gerettete Geld mit einem Entschuldigungsschreiben.

Gerade in Berlin mit dem Zug angekommen, mußte meine Mutter mit uns aus dem umkämpften Berlin weiterfliehen, in einem Treck mit vielen anderen Flüchtlingen, meist Frauen und Kinder, in Richtung Marienbad in der Tschechei. Dorthin waren ihre Eltern in ein Krankenhaus abkommandiert worden. Es war ein bitterkalter Winter damals. Ich bekam eine Rippenfellentzündung und meine Wangen waren eingefroren.

Nach der Kapitulation Deutschlands und somit dem Kriegsende ging es wieder den mühsamen Weg zurück ins zerbombte Berlin.

Unterwegs umkreisten den Treck wohl viele Panzer. Jahrzehnte später stand ich in Westberlin bei einer vorbeifahrenden Panzerkolonne der Britischen Armee, die in Berlin-Spandau stationiert waren wie angenagelt und zitternd am Straßenrand. Erst als ich sie nicht mehr hörte, konnte ich mich wieder bewegen.