Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 3 Dritte Etappe: Nachkriegszeit

Wieder in Berlin

Nachdem meine Mutter mit uns Kindern, ihrem Bruder und ihren Eltern den mühsamen Weg von Marienbad nach Berlin zurück überstanden hatten, suchten sie eine Unterkunft. Meine Großeltern Oehler bekamen mit ihrem Sohn in Berlin-Charlottenburg in der Droysenstraße 10a eine Hinterhauswohnung im Erdgeschoss zugewiesen.

Meine Mutter und wir zwei Kinder fanden Unterschlupf bei meiner Großmutter Thilo in Berlin-Tempelhof. Ich habe noch eine optische Erinnerung an sie: Sie sitzt in ihrem Ohrenbackensessel neben einem Nähtischchen in der Veranda.

Das Zimmer, das wir bei Großmutter Thilo bewohnten, glich einem Labyrinth, vollgestopft mit Schränken und Betten. Meine Mutter hatte eine Arbeitsstelle gefunden, wollte aber ihrer Schwiegermutter nicht ihren Kinder überlassen. Großmutter Thilo hatte ja in den schrecklichen Kriegsgeschehnissen ihren Mann und ihre Kinder verloren. Dies konnte sie psychisch nicht verkraften und hat deshalb die letzten Lebensjahre bis 1956 leider in einer Nervenheilanstalt in Wittenau verbringen müssen.

Da wir nicht zu Hause sein konnten, saßen wir früh morgens auf der Treppe eines Kindergartens und warteten auf die Erzieherin.

Nachdem Großmutter Thilo die Wohnung verlassen und nach Wittenau gebracht wurde, zogen wir auch in die kleine Hinterhauswohnung zu meinen Großeltern Oehler. Mit ihnen und meinem Onkel Hans-Georg wohnten wir also in sehr beengten Verhältnissen in zwei kleinen Zimmern mit Klo im Treppenhaus.

Mein Großvater bekam nach der Entnazifizierung  - als Verwaltungsdirektor im Krankenhaus mußte er in der NSDAP sein, ob er davon überzeugt war oder nicht - eine Stelle als Aufseher in den Messehallen am Funkturm. Für ein sehr schmales Gehalt. Abends kam er in seinem langen Mantel und Schirmmütze nach Hause und brachte für uns Kinder kleine Fläschchen und Döschen mit, die er zu unserer Freude auf das Betthaupt stellte.

"Luxuswohnung"

Nach einiger Zeit erhielten wir die Möglichkeit ins Vorderhaus zu ziehen, in eine 4-Zimmerwohnung im dritten Stock mit Ofenheizung: ein sozialer Aufstieg. Die ganzen Möbel aus der Dienstwohnung im Rudolf-Virchow-Krankenhaus waren zum Glück noch im dortigen Keller gelagert. Dies hatte eine Krankenschwester (Tante Frieda) organisiert. So konnten die 4 Zimmer auch möbliert werden. Das große Erkerzimmer war natürlich den Männern der Familie vorbehalten. Das sogenannte Berliner Zimmer (Durchgangszimmer) wurde für uns zwei Kinder eingerichtet. Das Balkonzimmer wurde als Mehrzweckraum genutzt: Schlafzimmer und Arbeitsraum meiner Mutter, Eßzimmer und Wohnstube zugleich. Im Seitenflügel war das Schlafzimmer meiner Großeltern sowe ein schmales Bad.

Auf dem Balkon
Auf dem Balkon
Das war der wahre Luxus, ein eigenes Kinderzimmer und ein Bett für jedes Kind. In einem Schrank im Kinderzimmer lag gehortetes Milchpulver. Es hatte sich, dank der Luftfeuchtigkeit, zu einem großen Klumpen vereint, von dem wir öfter Stückchen abbrachen: lecker, lecker!

Um uns zu ernähren, fuhren mein Onkel und meine Mutter regelmäßig in völlig überfüllten Zügen auf „Hamstertour" ins Berliner Umland. Es wurde viel auf dem Schwarzmarkt getauscht. Meine Oma Oehler gab viele ihrer „Kostbarkeiten" für die Miete der Wohnung her. Für uns Kinder gab es von den amerikanischen GI's hin und wieder Schokolade und Kaugummis als Geschenk. Wir sammelten auch die weggeworfenen Zigarettenschachteln.

Zur damaligen Zeit gab es für Frauen die Möglichkeit, sich als Lehrerinen ausbilden zu lassen. Gleichzeitig zum Studium arbeiteten sie schon in der Schule und konnten somit Geld verdienen. Diese Möglichkeit nahm meine Mutter wahr, denn sie wußte ihre Kinder tagsüber versorgt bei ihrer Mutter.

Auf der Straße zu spielen war selbstverständlich. Wir hatten Murmeln, Kreide, ausgeschnittene Zigarettenschachteln der Amerikaner zum Tauschen - die Marke „Juno" war die beste - und die Trümmer zum Spielen. Wir spielten Hopse, Verstecken, mit dem Kreisel und mit dem Ball. Ich eroberte die Umgebung unserer Wohnung vom Hochmeisterplatz jenseits des Kurfürstendammes bis zum Schloß Charlottenburg.

Leben in der Droysenstraße

In der Droysenstrasse
In der Droysenstrasse
Der Lehniner Platzam Kurfürstendamm wurde einmal in der Woche zum Marktplatz. Mit meiner Großmutter ging ich dort regelmäßig einkaufen. Es gab die jahreszeitlichen Angebote der Bauern aus dem Berliner Umland. An einem großen Kartoffelstand schaute ich immer fasziniert dem Händler zu. Er hatte im Krieg eine Hand verloren und statt dessen wie ein Seeräuber einen Haken. Sehr praktisch, um den Waage-Eimer zu halten und die Kartoffeln in die Netze zu schütten.

Auf der anderen Straßenseite des Kurfürstendamm prangte der „Mendelsohn-Bau", den der Architekt Erich Mendelsohn entworfen hatte. Der gesamte Baukomplex zwischen dem Kurfürstendamm und den Querstraßen Albrecht-Achilles-Straße und Cicerostraße bis zur Paulsborner Str. war nach seinen Plänen als Wohn- und Kulturkomplex errichtet worden. Im Kopfbau am Ku'damm war eine Ladenstraße und das „Universum" Kino (heute das Theater „Schaubühne") untergebracht. Zum meinen Kinderzeiten gab es in diesem imposanten Haus zwei Kinos: das „Capitol" und das „Studio" und eine Drogerie. Im „Studio" wurden eher anspruchsvolle Filme für Erwachsene gezeigt. Im „Capitol" habe ich mehrere Kinderfilme gesehen, z.B. „Emil und die Detektive". Ich liebte es, ins Kino zu dürfen!!

Auf dem Hofkomplex dieser Wohnanlage entstanden auch Tennisplätze, die im Winter zu Eisflächen gespritzt wurden. Hier lernte ich Schlittschuhlaufen. Die Schlittschuhe waren keine kompletten Stiefel wie heute üblich. Wir mußten die Kufen an die Stiefel schrauben. Dies führte oft zum Verlust der Hacken.

Wenn ich zum Spielplatz am Hochmeisterplatz die Cicerostraße entlang lief, bewunderte ich immer die schönen Häuser mit ihren verklinkerten Balkonen, die sich wie Wellen an den Fassaden entlang zogen. Ich stellte mir immer vor, von einem meiner Kinobesuche im „Capitol" in eine der Wohnungen gehen und auf einem der Balkone stehen zu können. Aber ich wohnte ja in der Droysenstraße auf der anderen Seite des Kurfürstendamms.

Alle paar Tage kam der Eismann mit Pferd und Wagen an unser Haus, um dem Bäcker Eisstangen zu bringen. Mit einer dicken, über die Schultern gezogenen Lederschürze bekleidet, zog er mit einem Eispickel die Stangen aus dem Wagen, und es fielen für uns Kinder immer Eisstückchen ab, die wir begierig aufsammelten und lutschten. Das Pferd bekam einen Futtersack umgehängt und ließ sich gern streicheln.

Nach einiger Zeit der Suche erhielt mein Großvater Oehler eine angemessene Arbeitsstelle. Er baute in Bad Oeynhausen als Verwaltungsdirektor ein neues Krankenhaus mit auf. Deshalb war er selten bei uns in Berlin. Er hatte dort auch eine Freundin gefunden, der Filou.

Einmal hatte Oma ein halbes Pfund gute Butter ergattert (es muß kurz nach unserem Umzug in den 3. Stock gewesen sein). Wir saßen gerade am großen Eßtisch, als sie dazu kam und auf dem Tisch herum sah. Dann ging ein Donnerwetter über uns her. Mein Großvater hatte, ausgehungert von den entbehrungsreichen Kriegsjahren, das ganze Stück Butter auf einmal verschlungen.

Jeden Sonnabend durfte ich in die Backstube im Haus ein Blech Kuchen für unsere Familie zum Backen bringen. Die 3 Treppen hinunter waren zwar immer ein Balanceakt, der sich aber lohnte. Die Backstube war spannend, mit den Mehl bestäubten großen Tischen, den großen Knetbottichen und den Ständern mit frischen Brötchen, Brot und Kuchen. Ich bekam immer einen langen Rand von einem fertigen Blechkuchen abgeschnitten.

Missbraucht

Das einzige erhaltene Foto meiner Großmutter Thilo. Die anderen habe ich vernichtet.
Das einzige erhaltene Foto meiner Großmutter Thilo (ganz rechts).
Meine Großmutter Oehler hatte zwei Seelen in ihrer Brust. Einerseits war sie liebevoll, vor allem zu meinem Bruder, ihrem " Prinzen", und andererseits war sie eine tyrannische und cholerische Frau. So gab es oft Streit und Geschrei. Türen knallten, und sie bekam hysterische Anfälle. Ich habe mir damals geschworen, niemals in meinem Leben so zu streiten. So wurde ich ein liebes, braves Mädchen ohne Widerworte.

Mein Bruder war kein netter, großer Bruder. Hatte er etwas ausgefressen, schob er es mir in die Schuhe. Regelmäßig wurde ich für seine Missetaten verhauen. Im Kleiderschrank des großelterlichen Schlafzimmers lag ein Bügel ohne Haken. Der diente dazu, mir den Hintern zu versohlen. Das tat ihr danach so „leid", daß sie mich abends in ihr Bett holte, um sich an mir sexuell zu vergehen und ich mußte sie befriedigen. Dies hielt an, bis ich meine erste Periode bekam, damit war ich für sie „unrein" geworden. Sie hatte ein durchgehendes Motto: „Was da drin ist, geht niemanden etwas an". Als Symbol dafür standen auf unserem Buffet die „berühmten drei Affen, die sich Augen, Mund und Ohren zuhalten.

Braves Mädchen
Braves Mädchen
Um meinen Mund zu versiegeln, drohte sie mir, dass ich in ein Kinderheim käme, wenn ich „unser Geheimnis" verriete. So schwieg ich, erst recht meiner Mutter gegenüber.

Ihr Motto „was da drin ist....." habe ich so verinnerlicht, das es mich mein Leben lang begleitete, ich mir somit stets selbst im Weg stand. Selten äußerte ich meine Bedürfnisse und Empfindungen, weder in der Familie noch in meiner Ehe oder im Berufsleben.

Jahrzehnte lang konnte ich unter keiner Bettdecke oder Laken liegen, ich bekam Panikattacken. Auch hatte dieser Mißbrauch Einfluß auf meine spätere, gebrochene Sexualität.

Eingeschult

Ostern 1950 wurde ich in der Goerdeler-Grundschule in der Sybelstraße eingeschult. Heute steht dort die Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule. Die Gordeler-Schule lag praktischerweise gleich um die Ecke. Fast 50 Kinder waren wir in der 1. Klasse. Unsere Lehrerin war ein Relikt wie aus Kaiserszeiten, der Inbegriff einer alten Jungfer: dürr, graues Kostüm, die grauen Haare zu einem Knoten aufgesteckt und verbitterte Gesichtszüge. Ein Albtraum für jeden Schüler. Es fehlte nur noch der kleine Rohrstock, der früher den Lehrern wie angewachsen in der Hand lag.

Gleich nach dem ersten Schultag sagte ich meiner Großmutter:

Oma, es war dumm von uns, mit der Schule anzufangen!

Diese Auffassung behielt ich bei bis zum Abitur.

Mit Schiefertafel, Kreide und Schwamm lernten wir nun unter der gestrengen Aufsicht dieser Lehrerin Schreiben und Rechnen. Die Kreide kratzte manchmal entsetzlich! Als geborene Linkshänderin nahm ich wie selbstverständlich die Kreide in die linke Hand. Doch das konnte unsere Lehrerin nicht dulden und trimmte mich mit einem Lineal (nicht das alte Rohrstöckchen) auf das „gute Händchen". Jeder weitere Versuch wurde sofort bestraft. Gegen diese Ungerechtigkeit opponierte eine Mitschülerin und bekam einen Tadel.

Diese Mitschülerin war Adelheid Hauser. Jahrzehnte später traf ich sie in Borkwalde wieder. Manche Orte unserer Kinderzeit kannten wir beide: die Markthalle in der Wilmersdorfer Straße, ebenso den Bäcker und das kleine Schreibwarengeschäft.

Da wir im Amerikanischen Sektor Berlins wohnten, erhielten alle Schüler Schulspeisung: Kakao und Grahambrötchen, einmal in der Woche Rosinenbrötchen, und warmes Mittagessen: Milchreis, Vanillemilchnudeln oder Nudelsuppen. Dafür mußten wir ein Essgeschirr mitbringen. Ich hatte einen ovalen Aluminiumtopf mit passendem Becher, wie es das noch heute als Campinggeschirr gibt.

Was es heute nicht mehr gibt

Es gab viele Dinge damals, die sich heutige junge Menschen nicht mehr vorstellen können, z.B. wurde die Wäsche in der Waschküche auf dem Dachboden in einem großen Kessel gekocht, im Zuber geschrubbt und gespült und auf dem Hängeboden zum Trocknen aufgehängt. Im Winter hatten wir immer steif gefrorene Wäsche. Die Bettwäsche war dann schwer und nur mühsam die Treppen hinunter zu bringen.

Der Hängeboden war ein wahres Spielparadies. Ich stöberte immer durch die Verschläge, die kein Mieter mehr benutzte. Während meine Großmutter die Wäsche aufhängte, fand ich immer etwas Interessantes für mein „Schatzkästchen".

Im Herbst kam der „Apfelmann" mit einer großen Kiepe und brachte Äpfel zum Einlagern.

Einmal in der Woche spielte der Leierkastenmann auf unserem Hof. Ich saß auf dem Fensterschrank in der Küche und durfte ihm einen in Papier eingewickelten Groschen zuwerfen. Er hatte ein Äffchen dabei, das das Geld aufsammelte.

Weihnachtsfest

Tante Liddi
Tante Liddi
Widmung
Widmung
Zum Weihnachtsfest hatten wir im Erkerzimmer immer einen Tannenbaum, der bis zur Decke reichte. Tante Liddi, eine der beiden Schwestern meines Großvaters, besuchte uns zu meiner großen Freude jedes Jahr. Sie arbeitete als Krankenschwester in der Lungenheilstätte Sommerfeld im Norden Berlins. Der Dichter Joachim Ringelnatzlag auf ihrer Station, und meine Tante Liddi hatte das Glück, ihn bis zu seinem Tod pflegen zu dürfen. Als Dank für ihre liebevolle Umsorgung, schenkte er ihr einen Gedichtband mit einer Widmung. Dieses inzwischen schon etwas abgegriffe Büchlein hüte ich wie meinen Augapfel.

Ende der 1940er Jahre kam ein entfernter Verwandter zu Besuch und blieb über Nacht. Meine Mutter mußte deswegen ihr Bett im Wohn-Eßzimmer räumen, um den Gast beherbergen zu können. In dieser Zeit war es üblich, auf dem Schwarzmarkt die notwendigsten Dinge des Lebens zu tauschen. Einer stand „Schmiere" und wenn er pfiff, waren alle Schwarzhändler und Tauschenden verschwunden, ehe die Polizei eingreifen konnte. Unser Besuch war ein großer „Schieber". Im Zimmer, in dem er schlief, stand auf einem Schrank eine Uhr. Zu jeder vollen Stunde ertönte die Melodie: „Üb immer Treu und Redlichkeit". Das war zu viel Ermahnung für ihn, und er stellte wütend das Uhrwerk aus.

In einem Jahr stand zu Weihnachten eine Eisenbahnanlage unter dem Weihnachtsbaum. Die große Lokomotive wurde zum Starten mit einem Schlüssel aufgezogen. Mein Bruder war begeistert und nahm sie natürlich als Junge sofort in seinen Besitz. Sie wurde um die große Holzburg herum aufgebaut, die auch nur von ihm bespielt werden durfte. Ich als Mädchen hatte mich mit meinen Puppen und Stofftieren zu beschäftigen! Wenn er nicht zu Hause war, spielte ich heimlich und voller Begeisterung mit Burg und Eisenbahn.

Weihnachten 1951
Weihnachten 1951
Weihnachtskrippe
Weihnachtskrippe
Weihnachten 1954
Weihnachten 1954

Meine Schulfreundin

Meine Schulfreundin Ute Sommerfeld - Ute war ein um die Nazi-Zeit herum viel vergebener Name - wohnte in der Sybelstraße. Ihre Eltern betrieben einen Lebensmittelladen an der Ecke Droysenstraße. Ihr Bruder Rainer war genauso alt wie meiner, mit ihm in der selben Klasse und mit ihm befreundet.

Oft war ich bei Sommerfelds zuhause. Für mich waren sie das Ideal einer heilen Familie. Ich liebte sie, und sie nahmen mich wie eine zweite Tochter auf.

Rainer und mein Bruder dagegen waren oft bei uns. Sie spielten dort mit der Burg, der Eisenbahn und ihren Wiking-Autos. Meine Großmutter behelligte die zwei „Prinzen" nicht.

Kinderfest in Gatow
Kinderfest in Gatow, 1955
Die Eltern meiner Schulfreundin besaßen einen Garten in Berlin-Gatow. Wir fuhren mit der Straßenbahn, die es damals noch in ganz Berlin gab, die Heerstraßeentlang bis Gatow. Im letzten Wagen hinten am Führerstand zu stehen, war für mich eine Wonne, fuhr ich dann doch selbst in Gedanken die Bahn. Den restlichen Weg bis zum Garten gingen wir zu Fuß.

An manchen Wochenenden kam auch meine Mutter mit hinaus. Im Sommer fand in der Laubenkolonie in Gatow regelmäßig ein Kinderfest statt. Bunt geschmückt und laut singend zogen wir Kinder hinter dem Clown durch die ganze Kolonie und bekamen Süßigkeiten und Luftballons geschenkt.

So verlief meine Grundschulzeit in „geregelten" Bahnen. Meine Mutter lehrte und lernte in und für die Schule. Wir Kinder waren bei der Großmutter mehr oder weniger gut aufgehoben.

Ferien, Freizeit und Ausflüge

In den großen Ferien zogen die Berliner Grundschüler für zwei Wochen ins Ferienlager am Wannsee. Meine Mutter hatte als Lehrerin Aufsicht über die Kinderhorde. Mein Bruder und ich waren wie selbstverständlich auch im Ferienlager und konnten mit den anderen Kindern spielen und im Wald herumtollen.

Im Schloßpark Glienicke
Im Schloßpark Glienicke
An den Sonntagen unternahmen meine Mutter und wir Kinder Ausflüge innerhalb West-Berlins: in den Schloßpark Glienicke, in den Grunewald, während der Bauaustellung 1957 ins Hansaviertel und in den Tiergarten mit einem Besuch des Zoologischen Gartens. An warmen Tagen in den Großen Ferien zog es uns an den Grunewaldseezum Schwimmen und Sonnen.

Das waren für mich die schönsten Tage, ohne Großmutter.

Das Geld war knapp, aber trotzdem bekamen mein Bruder und ich ein paar Groschen Taschengeld. Einkäufe für die Familie zu erledigen war meine Aufgabe. Mein Bruder war ja ein Junge, der kleine Prinz meiner Großmutter. Das wäre unter seiner Würde gewesen. So konnte ich jedoch mein Taschengeld etwas aufbessern, indem ich hin und wieder einige Pfennige für mich behielt. Neben Süßigkeiten kaufte ich mir vom Ersparten „Prinz Eisenherz"-Hefte. Sie waren schmal und in schwarz-weiß gedruckt, die ersten Comic-Hefte.

Die tyrannische Großmutter

Mein Großvater Oehler starb im Jahr 1954. Meine Großmutter wurrde immer launischer und tyrannischer. Eines sonntags schrieb meine Mutter auf dem großen Eßzimmertisch die Zeugnisse für ihre Schulklasse. Es war 16 Uhr, meine Großmutter kam mit einer großen Kanne Kaffee hereingestürmt, rief: „es ist Zeit zum Kaffeetrinken" und knallte die volle Kanne auf den Tisch. Diese kippte um, und der Kaffee ergoß sich auf die ausgebreiteten, fertig ausgefüllten Zeugnisse. Die Arbeit des Tages war zunichte, und meine Mutter und Großmutter fingen ein heftiges Gebrüll an. Ich wäre, wie so oft, am liebsten ein Mäuschen gewesen und hätte mich in ein Mauseloch verkrochen. Ich flüchtete auf den Balkon, während mein Bruder gebannt den beiden Frauen zuhörte.

Jedes Jahr zu Ostern kochte meine Großmutter einen Schokoladenpudding in einer Hasenform. Nach dem Erkalten wurde er auf eine große Schale mit grünem Wackelpudding gestürzt. Ich bekam immer die Ohren, den Puschelschwanz und die Pfötchen.

Diese Tradition besteht fort bis zum heutigen Tag. Meine Tochter Clara hat die Puddingform geerbt und somit diese Tradition fortgeführt.

Erster Urlaub außerhalb Berlins

Als ich 9 Jahre alt war, fuhren wir in den Sommerferien an den Timmendorfer Strand, die ersten und für längere Zeit einzigen Ferien außerhalb Berlins. Wir waren von einem Freund meiner Mutter, Herr Viertel, dazu eingeladen worden.

Von West-Berlin aus konnten wir nur mit dem Flugzeug nach Westdeutschland reisen, ein Auto hatten wir natürlich nicht. Wir fuhren mit dem Bus zum Flughafen Tempelhof. Ich war so aufgeregt, daß ich erst einmal einen großen Aschenbecher in der Eingangshalle mit meinem Frühstück füllte. Danach verlief der Flug ohne unangenehme Zwischenfälle.

Es war wunderbar am Strand. Es wurde natürlich eine Sandburg gebaut. In der Zeit erschwamm ich mein Freischwimmer Abzeichen. Stolz wie Oskar war ich, nun konnte ich mit meinem Bruder konkurrieren. Der Freund meiner Mutter spendierte uns beiden Kindern einen Rundritt auf dem nahegelegenen Reiterhof.

Ich saß auf dem großen Pferd, mein Reitführer wurde ans Telefon gerufen und ließ mich einfach mit dem Pferd stehen. Das gefiel dem Tier nicht, es machte eine Kehrtwende - und ich fiel in hohem Bogen in den Sand.

So, das war's dann für mich mit den Pferden. Ich finde, es sind wunderbare Tiere, aber für mich nur mit Distanz zu betrachten.

Nachdem ich immer stiller wurde, stellte mich meine Mutter voller Sorge eines Tages einem Schulpsychologen vor. Über meinen gemalten Bildern schwebte immer eine große, graue Wolke. Fazit des Psychologen: wir müssen aus der Wohnung Droysenstraße ausziehen, in der wohne die Bedrohung. Wie recht er hatte!!!