Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 4 Vierte Etappe: Zeit des Wirtschaftswunders

Im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus wurden in den 50er Jahren in ganz West- Berlin neue Häuser gebaut. Meine Mutter hatte das Glück, durch den sogenannten Lastenausgleich als Kriegswitwe, eine 3 1/2-Zimmerwohnung finanziert zu bekommen. Nach Fertigstellung zogen wir 1956 aus der Charlottenburger Wohnung aus und vor allem von Großmutter fort.

Jeder von uns hatte jetzt ein eigenes Zimmer, und in der Küche gab es sogar einen Kühlschrank. Meine Mutter kaufte ein Radio, und wir hörten regelmäßig die „Rias Hitparade".

Es war dort eine schöne Zeit, nur wir drei Thilos.

Das Dumme war nur, dass vor dem Bau der Häuser keinem der zukünftigen Bewohner verraten wurde, daß in Kürze die Stadtautobahn parallel dazu gebaut werden sollte. Doch trotz der Lärmbelästigung durch den damals allerdings noch nicht so starken Verkehr fühlten wir uns dort wohl. Die Wohnung besaß einen Balkon, auf dem wir ungestört sitzen konnten.

Verwandte meiner Familie großväterlicherseits wohnten in Warnemünde bei Rostock: Tante Lolo, die zweite Schwester meines Großvaters Oehler, mit Mann und zwei Söhnen, Albrecht und Reinhart. Familienbesuche waren seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit, die auch nach dem Krieg nicht abrissen. Von West-Berlin aus brauchte man ein Visum.

Bei einem dieser Besuch in Warnemünde traf meine Mutter einen Freund aus ihren Jugendjahren wieder. Ein paar Worte, ein paar innige Blicke, und sie beschlossen kurzerhand, sich erneut zu verlieben und zu heiraten. Dieser Freund aus Jugendzeiten war Heinrich Maatz.

Während der Kriegsjahre diente er bei der Deutschen Kriegsmarine und machte die Ausbildung zum Ingenieur. Nach Kriegsende erweiterte er seine Ausbildung um die eines Vermessungsingenieurs. Doch eine Arbeitsstelle bekam er nicht. Mit einem Freund aus der Marine zusammen kaufte er eine Filmausrüstung, ein Grammophon, einen kleinen Laster, lieh sich Filme und viele Schallplatten mit Filmmusik. Damit ausgerüstet tourten die zwei als Wanderkino durch Schleswig-Holstein und führten in Gasthöfen Filme auf. Doch um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, reichte es nicht. So bemühte sich Heinrich Maatz weiter, eine Anstellung als Ingenieur zu bekommen. Dies gelang ihm im Ruhrgebiet, in Walsum bei den Aschaffenburger Zellstoffwerken.

Mit „Onkel Heinz" fuhren wir, um ihn kennen zu lernen, in den großen Ferien in den Frankenwald. Mein Bruder und ich waren mit ihm „einverstanden". Bald darauf heirateten meine Mutter und „Onkel Heinz", und wir zogen 1958 mit allem Hab und Gut nach Walsum ins Ruhrgebiet.

In die Wohnung in der Friedrichsruher Straße zogen meine Großmutter Oehler und meine geliebte Tante Liddi Oehler ein.