Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 5 Fünfte Etappe: Auf dem Gymnasium

In einer Art Nebel

Unser neues Zuhause
Unser neues Zuhause
In Walsum bei Duisburg wohnte „Onkel Heinz" in einem Werkshäuschen. Meine Mutter gab ihren Beruf auf, ließ sich auszahlen und nahm auch ihre Witwenrente dazu, um das Haus für uns vier im Innern einrichten zu können. Es war die typische Möblierung der 50er Jahre mit Klappcouch, Nierentisch und Tütenlampen.

Das Dachgeschoß wurde ausgebaut. Hier entstanden drei neue Zimmer und ein Bad. So war reichlich Platz für uns.

Ich hatte ein Zimmer mit Dachschräge und durfte mir eine Tapete aussuchen. Ich wählte als erstes ein rankendes Efeumuster. Wenn ich im Bett (eine Klappcouch) darunter lag, kam ich mir vor wie in einem Garten und träumte mich weit fort.

Zu jedem Haus in dieser Siedlung gehörte außerdem ein richtiger Garten.

Meine Klappcouch
Meine Klappcouch
Typisch 50er Jahre
Typisch 50er Jahre
Mein Schreibtisch
Mein Schreibtisch

Fleißig
Fleißig
Mitten im Schuljahr kam ich also in Duisburg-Hambornaufs Gymnasium. Ich „Großstadtpflanze" stach mit meiner Kleidung sehr von meinen Mitschülerinnen ab. Sie trugen fast alle Nylonstrümpfe und schicke Kleidchen, ich war da rustikaler bekleidet.

Auch der Lehrstoff war anders als in Berlin. So blieb ich erst einmal sitzen und legte eine Ehrenrunde ein. Da mir das Erlernen der lateinischen Sprache nicht richtig lag, hatte meine Mutter sich für mich für die sogenannte Frauenoberschule entschieden. Diesen Schulzweig gab es nur in Nordrhein-Westfalen. Frauenoberschule bedeutete, dass wir nicht die volle Hochschulreife bekamen. Wir absolvierten in der Oberstufe drei Praktika: Für je 4 Wochen im Kindergarten, im Krankenhaus und in der Sozialfürsorge. Dies sind und waren typische Frauenberufe. Auch wurden wir des Kochens und Schneiderns kundig gemacht.

Keinen dieser Berufe wollte ich je erlernen!

Bei uns Zuhause
Bei uns Zuhause
Den Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961habe ich nicht mitbekommen. Meine Eltern sprachen zwar davon, aber es interessierte mich wohl nicht. Ich durchlebte diese Zeit meiner Jugend in Walsum in einer Art Nebel. Sehr viel Erinnerungen sind mir nicht geblieben. Ich saß oft an meinem Schreibtisch und träumte vor mich hin.

Das Schönste waren die Tanzstundenzeit und die Tanztees am Wochenende. Wir wuchsen mit den Schlagern von Elvis Presley, Paul Anka, Peter Kraus, Conny Froboess und den Beatles auf. Mein Tanzstundenherr hieß Wolfgang Mudersbach. In seiner Klasse wurde er „die Muh" genannt. Mit ihm war ich oft zusammen, und er gab mir den ersten Kuß.

Rechtsherum
Rechtsherum
Linksherum
Linksherum
Natürlich besaß mein Bruder einen Plattenspieler. Von meinem Taschengeld kaufte ich mir Singleplatten und durfte sie (gnädigerweise) auf seinem Plattenspieler abspielen.

Bei Wind und Wetter und Nebel (häufig im Ruhrgebiet) fuhr ich mit dem Fahrrad etliche Kilometer zur Schule nach Duisburg-Hamborn ins Elly-Heuss-Knapp- Gymnasium.

Mein Dackel Dixie
Mein Dackel Dixie
Zu Weihnachten bekam ich einen Dackel geschenkt, dem ich viele Kunststückchen beibrachte. Zum Beispiel schloß er hinter sich die Tür, wenn er ein Zimmer betrat. Meine Mutter mochte keine offenen Zimmertüren. Im Garten lief er oft herum, bellte die Vögel, die Igel, den Briefträger und den Schornsteinfeger an und bewachte so Haus und Hof.

Jeden Sonntag wurden wir von unserem Stiefvater früh mit einem flotten Spruch geweckt:

Reise, Reise, aufstehen, der Bäcker von Labül ist da. Wer zuerst aufsteht, kriegt die größten Semmeln.

Mein Dackel Dixie
Mein Dackel Dixie
Nach dem Frühstück fuhren wir dann in einen Wald, damit der Dackel Auslauf hatte. Da er von Natur aus ein „Dachshund" war, lockte ihn natürlich jeder unterirdische Bau. Die ganze Familie war deswegen mit Streichhölzern, Wurststückchen und Leckerlies ausgestattet, um ihn aus dem Bau zu locken. Ich hatte jedesmal Angst um ihn und hoffte, daß er keinem tierischen Bewohner der Höhlen zum Opfer fiel. Einmal mußten wir ihn ausräuchern. So zogen sich diese Sonntagsspaziergänge immer in die Länge, denn mein Dackel war meist nicht gewillt, so schnell den für ihn so gut riechenden Bau zu verlassen.

In Walsum gab es eine Kohlenzeche und weiter gen Süden eine Eisenerz verhüttende Fabrik. Je nach Windrichtung überzog mal schwarzer, mal rostroter Staub die Fensterbretter, und die im Garten aufgehängte Wäsche verfärbte sich entsprechend dezent.

Kleider, Kleider

Vor dem Haus hatte mein Stiefvater einen Vorgarten angelegt. Ordentlich standen die Pflanzen in Reih und Glied. In einem Jahr hatte ich meine Mutter überredet, eine bunte Blumenmischung dort auszusäen. Ich fand den Garten dann mit den verschiedenen bunten, zu unterschiedlichen Zeiten blühenden Blumen wunderbar. Er aber nicht. So blieb es bei dieser einmaligen Aktion meinerseits, schade!!!

Kurz vor meiner Konfirmation war ich mit Freundinnen im Pfarrhaus. Wir Mädchen genehmigten uns eine ganze Flasche „Eckes Edelkirsch". Wir waren so angetütert, daß ich vor dem Nachhauseweg von meinem Fahrrad sowohl die Reifenmäntel als auch die Schläuche abmontierte und auf den Felgen zurückfuhr. Mir war hinterher soooo übel. Der nächste Tag war Rosenmontag. Meine Familie hatte beschlossen, nach Köln zu fahren. Übel, wie mir war, mußte ich mit.

Im Konfirmationskleid
Im Konfirmationskleid
Für die Konfirmation nähte mir meine Mutter ein Kostüm aus schwarzem Samt. Mein Stiefvater hatte einen Marinekameraden, der in Lobbericheine Fabrik geerbt hatte, in der Samtstoffe produziert wurden. So bekam meine Mutter den Stoff günstig. Sie versah das Oberteil mit einem weißen Spitzenkragen, über den ich mich schämte, denn keine andere Konfirmandin trug einen Spitzenkragen.

Während meiner ganzen Jugendzeit trug ich Kleider, die meine Mutter genäht hatte. Da es in der Zeit Mode war, Kleider mit weitem Rock und Petticoat zu tragen, entwarf sie solche. Aber glücklich war ich in dieser Kleidung selten. Meine ersten Jeans mußte ich mir erkämpfen.

Meine Klasse in Duisburg-Hamborn
Meine Klasse in Duisburg-Hamborn

Mein Stiefvater pflegte die Beziehung zu alten Marinekameraden. Jedes Jahr fand in Essen in der Grugahalle der Marineball statt. Jeder aktive oder ehemalige Marinekamerad, der eine tanzfähige Tochter hatte, mußte für dieses Wochendende einen jungen Fähnrich bei sich beherbergen. Während des Balles saß er am Tisch mit den Gastgebern und durfte die Tochter des Hauses aufs Parkett führen und bei großer Sympathie den ganzen Abend „betanzen".

Ich trug natürlich ein selbst genähtes Kleid, eins ohne Träger. Da ich nicht den entsprechenden Busen hatte, der das Kleid tragen konnte, verordnete meine Mutter mir ein Korselett. Es war furchtbar, den ganzen Abend kämpfte ich mit diesem „Monstrum". Das war das einzige Mal, daß ich so eine „Halterung" trug.

Reisen

Reisen mit VW äfer
Reisen mit VW Käfer
Einmal Mitte der 60er Jahre fuhren wir nach Westberlin, um Oma zu besuchen. Die Grenzsoldaten sperrten die Grenzen nach Westberlin für einige Stunden ab. Die Autos standen in langen Schlangen, und es wurde Nacht. Erst dann konnten wir endlich weiterfahren. Dies war u.a. eine weitere Schikane der DDR-Regierung im Laufe der Geschichte um Berlin. Erst 1972 trat das sog. Transitabkommenmit der DDR in Kraft, das viele Erleichterungen im Reiseverkehr zwischen Westberlin und der BRD brachte.

In den großen Ferien unternahmen wir Reisen innerhalb Westdeutschlands. Mit dem vollbeladenen VW Käfer, einem Holzkasten auf dem Dach, meinem Dackel und Verpflegung für alle ging es in den Schwarzwald, ins Fichtelgebirge oder in die Eifel. Da meine Eltern sehr sparsam lebten, wohnten wir stets in Privatquartieren. Aber schön gelegen waren sie immer.

Ich habe diese Ferien immer genossen. Wir alle waren entspannt, wanderten viel unter Absingen lustiger Lieder. Mein Stiefvater bemühte sich, uns Kindern die Geschichte der entsprechenden Landschaft näher zu bringen, die Fauna und Flora zu erklären und war immer zu Scherzen bereit.

Damals war es üblich, vom Ruhrgebiet aus ins nahe gelegene Holland zu fahren, um einzukaufen. Wir fuhren regelmäßig nach Nijmegen, kauften Butter, Milch, Eier und Gemüse ein.

"Puddingabitur" - und nun?

Nach dem sogenannten „Puddingabitur" der Frauenoberschule 1965 hatte ich kaum eine Ahnung, welche Ausbildung ich beginnen sollte. Mein Wunschtraum, Ärztin zu werden, war mir verwehrt. Ich hätte noch weiter zur Schule gehen müssen, um Latein und höhere Mathematik zu lernen. Getreu meinem Motto:

...es war dumm von uns, mit der Schule anzufangen,

lehnte ich das ab.

Krankengymnastin wollte ich werden. In Hessisch Lichtenau absolvierte ich die Aufnahmeprüfung mit guten Noten. Aber beidseitige Sehnenscheidenentzündungen in den Armen schreckten mich ab, diesen Beruf tatsächlich zu ergreifen.

Eine konsultierte Berufsberaterin meinte nach kurzer Befragung, ich müsse Bibliothekarin werden. Bis dato hatte ich nur wenige Bücher freiwillig gelesen, ihre Empfehlung war mir damals nicht nachvollziehbar. Aber brav wie ich war, ergriff ich diesen Beruf.

Bis heute bin ihr dankbar, denn sie erschloß mir die Welt der Bücher, in der ich mich zuhause fühle.