Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 6 Sechste Etappe: Studentin

Überbrückungszeit

In Stuttgart bekam ich im Herbst 1965 am „Süddeutschen Bibliothekar-Lehrinstitut" einen Studienplatz, um Diplom-Bibliothekarin für Öffentliche Büchereien zu werden.

Um das halbe Jahr bis Studienbeginn zu überbrücken, arbeitete ich in Walsum in der dortigen Bücherei, am liebsten in der Buchbinderei. Zudem lernte ich Schreibmaschine schreiben, und auch Stenographie sollte ich lernen. Doch diese Kurzschrift war mir nicht als Vereinfachung ersichtlich. Ich konnte schneller ausgeschrieben mithalten.

Die „Aschaffenburger Zellstoff Werke" in Walsum waren inzwischen geschlossen worden und mein Stiefvater auf Arbeitssuche. Er bekam in Frankfurt am Main bei der „Allianz Versicherung" eine Anstellung als Maschinenschaden-Beauftragter. Nachdem ich in Stuttgart mein Studium begonnen hatte, zogen meine Eltern deshalb in die Nähe von Frankfurt nach Bergen-Enkheim um.

Studienzeit

Im ersten Semester lebte ich in einer Studentenbude unterm Dach mit fließend kaltem Wasser bei Bekannten meines Stiefvaters im vornehmen Stuttgart-Degerloch. Es war ein sehr ordentliches Haus. Hinter der Haustür mußte ich meine Straßenschuhe deponieren, Herrenbesuch war nicht erlaubt, und die Hausfrau stieg nach jeder Leerung des Mülleimers (auch im Winter) mit Ata und Wurzelbürste in jene.

Nach Wochen „guter Führung" durfte ich sogar alle zwei Wochen in das „elterliche" Bad, um mich zu duschen. Ansonsten erwärmte ich mit einem Tauchsieder Wasser, um mich und meine Haare zu waschen.

Die Fahrt zum Bibliothekar-Lehrinstitut war lang, denn es lag auf dem gegenüberliegendem Hügel Stuttgarts. Erst fuhr ich mit einer Zahnradbahn in die Innenstadt hinunter, um dann mit der Straßenbahn den anderen Hügel wieder hinauf zu klettern, denn Stuttgart ist wie Rom auf mehreren Hügeln gebaut.

Das Studium war in vier theoretische und zwei praktische Semester gegliedert. Also zogen die Studenten sowohl im 2. als auch im 3. Semester aus, um in westdeutschen Städten ihre Praktika anzutreten.

Schon im 1. Semester hatte ich eine Freundin gewonnen, mit der ich in Karlsruhe das erste Praktikum begann.

Im Haus einer Bäckerfamilie fanden wir eine Wohnung mit zwei ineinander gehenden Zimmern, Küche und Bad. Als wir eintrafen, standen in der Küche alle Lebensmittel zur „Erstausstattung" und frische Brötchen. So liebe Vermieter hatten wir. Es war eine schöne Zeit dort, auch in der Stadtbibliothek lernten wir viel unter angenehmer Leitung.

Das Gegenteil erfuhr ich in Darmstadt zum zweiten Praktikum. Wir Praktikanten wurden wie Hilfsarbeiter behandelt, und gelehrt wurde uns nicht genügend.

Mit der Unterkunft aber hatte ich Glück: ich konnte bei meinen Eltern wohnen.

Da mein Vater Thilo im Krieg gefallen war, erhielt ich eine Halbwaisenrente. Diese hatte meine Mutter bis zu meiner Volljährigkeit gespart. Von dieser Summe kaufte ich mir ein Auto: einen roten Citroen 2 CV, eine sogenannte „häßliche Ente".

Stolz über diesen Besitz fuhr ich zu Beginn des 4. Semesters im Frühjahr 1967 zurück nach Stuttgart. Von Bergen-Enkheim aus hatte ich mich um ein Zimmer in einem Studentenheim beworben. Hier zog ich nun ein. Meine Zimmergenossin war selten da, warum habe ich nie herausbekommen, so hatte ich das Zimmer meist für mich allein. Es gab eine große Küche, in der wir uns alle trafen, um zu kochen, zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und einfach nur zu plauschen.

Zeit der Studentenproteste

In dieser Küche lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen. Ich war erstaunt, das sich so ein „toller Kerl" für mich graues Mäuschen interessierte und sich sogar in mich verliebte.

Klaus H. Werner war Architekturstudent an der Technischen Universität und politisch sehr engagiert. Begierig nahm ich das auf, es war ja die Zeit der Studentenbewegung und des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Die Haltung gegen den Vietnamkrieg beherrschte unsere Proteste. Es wurde gegen die Reaktionen der Springerpresse demonstriert, den Erlass der „Notstandsgesetze" und später gegen den Ausbau von Atomkraftwerken.

Rudi Dutschke und die Berliner Studenten waren unsere Vorbilder. Der Tod von Benno Ohnesorg empörte alle politisch aktiven Studenten. Zu Hunderten zogen wir durch Stuttgart, um unseren Protest lautstark zu bekunden. Mit Plakaten und Spruchbändern gegen den Vietnamkrieg, gegen den Axel Springer Verlag und seine Verdammungen der Studentenbewegung und den Ausbau von Atomkraftwerken, skandierten wir „Ho, Ho Ho Chi Min" und sangen „Die Internationale".

Einmal belagerten wir außerhalb Stuttgarts das Auslieferungslager des Springerverlages. Wir wurden mit Wasserwerfern und Tränengas vertrieben. Das hinderte uns aber nicht daran weiterzumachen. Flugblätter wurden gedruckt und massenhaft verteilt.

Unseren Protest gegen die bürgerliche Gesellschaft zeigten wir auch im Alltag mit unserer Kleidung. Ins Theater gingen wir z.B. in Jeans, Westen und Sandalen, an den Westen natürlich Buttons „Atomkraft? Nein danke", Buttons mit den Bildnissen von Hồ Chí Minh und Che Guevara.

Die Eltern eines Kommilitonen besaßen ein Haus oberhalb von Berchtesgaden. Seine Freundin studierte Photographie und wollte mit uns bei diesem Haus und mit der herrlichen Aussicht Modephotos schießen. Mit einem VW-Bus und vielen Utensilien fuhren wir nach Berchtesgaden. Es waren zwei unbeschwerte und aufregende Wochen.

Die Schweiz ist nah bei Stuttgart. So erlebten wir einmal die Basler Fasnacht. Um vier Uhr morgens begann das lustige Treiben in der Innenstadt. Mit Piccoloflöten, alten Masken und Kostümen wurde die dreitägige närrische Zeit eingeflötet. Wir erlebten einen völlig anderen Karneval als den rheinischen Frohsinn.

Mein Studium habe ich trotzdem nicht vernachlässigt und mehr oder weniger fleißig gelernt bis zum Diplom im Jahr 1968.

Es war die Hochzeit der Studentenbewegung, deshalb wollte ich nach meinem Diplom nicht diesen „bürgerlichen" Beruf antreten. Da ich bis zum 27. Lebensjahr meine Halbwaisenrente erhielt, wollte ich weiter studieren und mich in Heidelberg immatrikulieren. Der nordrhein-westfälische Innenminister bestätigt mir, die Zusatzprüfung in Mathematik sei keine Voraussetzung für ein Studium der Ägyptologie. Das kleine Latinum während des Studiums nachholen zu können, bescheinigte mir der Ägyptologie Professor. Mit allen meinen Unterlagen schien die Frau im Immatrikulationsbüro überfordert zu sein, sie stempelte alle Unterlagen ab - und ich war an der Uni aufgenommen. Nach zwei Semestern wechselte ich zur Psychologie über. (Das kleine Latinum habe ich nie nachgeholt.)

Unter den Studenten wurden viele alternative Therapieansätze diskutiert und jede Menge Raubkopien namhafter Psychologen hergestellt und vertrieben. Das Studium litt unter den Demonstrationen, Sit-ins und Vorlesungsstörungen der alten Herren („trau keinem über dreißig", „unter den Talaren der Muff von tausend Jahren").

Die stärkste Handlung von uns Studenten war jedoch, die schwere Eichentür des Rektorats mit vereinten Kräften aus den Angeln zu heben, zur Neckarbrücke zu schleppen und über das Geländer in den Fluß zu werfen. Alle Studentenbewegten jubelten über diese "revolutionäre" Tat.

Zu der Zeit fand auch in vielen Universitätsstädten die sogenannte „Rote Punkt Aktion" statt. Wer als Student ein Auto besaß, hefte einen roten Punkt an die Windschutzscheibe und nahm jeden Menschen mit, der von A nach B oder auch C wollte. Diese Aktion fand regen Zuspruch in der Bevölkerung.

Rote Armee Fraktion, Zukunftspläne und Hochzeit

Alle zwei Wochenenden fuhr ich nach Stuttgart, um meinen Freund zu besuchen, den ich im Studentenheim gefunden hatte. Er bewohnte inzwischen ein Zimmer einer Wohngemeinschaft „unten" in der Stuttgarter Innenstadt.

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Ein Kommilitone der WG hatte sich in eine Frau aus der „Rote Armee Fraktion" verliebt und ihr seine Adresse verraten. Das hatte verheerende Folgen. Eines Tages erreichte ihn ein Paket, das er eigentlich weiterleiten sollte. Neugierig, wie wir waren, öffneten wir das Paket. Das hätten wir unterlassen sollen. Nachdem eine Waffe und ein paar Masken zum Vorschein kamen, schnürten wir schnell das Paket wieder zu. Mit dieser Organisation wollten wir nicht in Verbindung gebracht werden. Wir standen auch überhaupt nicht hinter den abstrusen Untaten dieser Gruppierung. Der Kommilitone brachte dieses brisante Paket in seine Ferienwohnung, und dort wurde es dann abgeholt, von wem auch immer. Wir meinten, die Sache sei somit erledigt. Das dies ein Irrtum war, darüber werde ich später noch berichten.

Zunächst: Im Wintersemester 1970/71 legte Klaus mit zwei Studienfreunden (Joachim und Dietrich) zusammen sein Diplom als Architekt ab. Das große Modell für ihre Diplomarbeit entstand durch meine Hände und hat mir sehr viel Spaß gemacht.

Alle drei Freunde wollten gemeinsam ein Architekturbüro eröffnen, um ein Projekt zu verwirklichen: ein Gesundheitszentrum, in dem Ärzte aller Fachrichtungen, Krankengymnasten und eine Apotheke untergebracht sein sollten. Das Gesundheitsministerium in Bonn gab für zwei Jahre eine Entwicklungsfinanzierung.

Aber in welcher Stadt wollten wir wohnen und arbeiten? Es standen München, Düsseldorf, Hamburg und West-Berlinzur Disposition. Wir legten eine Liste an, auf der alle Vor- und Nachteile der einzelnen Städte notiert wurden. Nach langer Diskussion entschieden wir uns für einen Umzug nach Westberlin.

Wir suchten eine teilgewerbliche Wohnung, um wohnen und arbeiten zu verbinden. Die Suche nach teilgewerblichen Wohnungen war damals nicht so schwierig wie heute. Wir durften aber nur als Ehepaar eine Wohnung mieten. So mußten wir diesen „bürgerlichen" Schritt gehen. Am 31.12.1970 haben wir standesamtlich in Bergen-Enkheim, wo ja meine Eltern wohnten, geheiratet.

Standesamt Bergen-Enkheim
Standesamt Bergen-Enkheim
Mutter Werner, Isabella von Kotarski, war mit der Wahl ihres Sohnes nicht einverstanden. Ich war nicht „standesgemäß". Bevor wir zum Standesamt fuhren, besuchten wir sie in ihrer Wohnung in Frankfurt. Dort nahm sie heimlich Klaus den Ausweis weg, damit er nicht heiraten konnte. Sie hatte aber nicht mit der Lässigkeit des Standesbeamten gerechnet. Der Führerschein war ebenfalls ein akzeptiertes Dokument, um die Identität von Klaus H. Werner nachzuweisen.

Zur Trauung trug ich ein Minikleid, wie es damals in Mode war und darüber einen langen Webpelzmantel. Ich kam mir sehr schick vor.

Vater spricht vom „sicheren Hafen der Ehe ...
Vater spricht vom „sicheren Hafen der Ehe ..."
Sogar mein Bruder kam aus Bonn zu unserer Hochzeit. Meine Eltern waren sehr froh über unseren „bürgerlichen" Schritt ins Eheleben. Mein Stiefvater hielt eine lange Rede über die Vorteile und Freuden einer Ehe. Klaus und ich dachten uns unseren Teil dabei und lächelten vor uns hin.

Meine Mutter erzählte mir später, daß ich wohl nicht glücklich werden würde mit diesem „brotlosen Künstler". Zum Teil hatte sie leider recht behalten, aber das erzähle ich noch später.