Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 7 Siebente Etappe: Zurück nach Berlin

Luxuswohnung

Nach nicht langer Suche fanden wir eine beinah 300 m² große Altbauwohnung am Kurfürstendamm 71. In dieser Wohnung lebte bis dahin eine Arztwitwe mit ihrer Haushälterin und zwei Hunden (Afghanen), bis sie in die sogeannte „staubfreie Zone" nach Baden-Baden zog.

Nachdem wir den Mietvertrag unterschrieben hatten und die Schlüssel in unseren Händen hielten gingen wir in die Wohnung. Wir staunten nicht schlecht. Von der großen Diele aus kamen wir in die beiden je 60 m² großen Zimmer mit Balkonen. Die Arztwitwe nutzte diese Räume als Wohn- und Speisezimmer (bei uns wurden sie Büros). Auch eine Gästetoilette war neben der Diele. Alles war mit schönem Parkett ausgelegt, das aber - wie eben altes Parkett - an vielen Stellen knarrte und irgendwie von seiner Geschichte erzählen wollte.

Den langen Flur entlang öffneten sich die weiteren Räume: der ehemalige Herrensalon, der bei uns immer von einem Mitbewohner bewohnt wurde; ihr Schlafzimmer und ihr Ankleideraum, die bei uns zu Schlaf- und Wohnzimmer wurden. In unserem zukünftigen Wohnzimmer stand ein riesiges, u-förmiges Sofa, gute drei Meter breit und mit recht verschlissenem Stoff. Früher muß es vor Ort hergestellt worden sein, denn es hätte durch keine Tür gepaßt. Darüber befand sich ein Wandsafe. Im Flur war ein Geschirrschrank in die Wand eingelassen und passend dazu ein großer Klapptisch. Das Bad war einmalig ausgestattet mit einer tiefgelegten, großen Badewanne, zwei sich gegenüber liegenden Spiegeln, einem großen Waschbecken mit alten Armaturen und je einer Tür zum Flur und zum Schlafzimmer. In der Küche stand ein großer, wunderschöner, alter Gasherd, der auch ein Teil hatte, in dem man Feuer machen konnte, um darauf zu kochen. Darauf stand ein Bräter, gasbefeuert und mit einer hohen Haube. Hinter der großen Küche befand sich das sogenannte Mädchenzimmer mit Waschbecken. Wir waren überwältigt von dieser Luxuswohnung und stolze Mieter.

Verfassungsschutz vor der Tür

Noch vor unserem Umzug nach Westberlin holte uns die verdammte RAF- Paketgeschichte ein. Der Verfassungsschutz war auf Klaus' Namen und den des Stuttgarter Kommilitonen aufmerksam geworden. Zwei Beamte standen bewaffnet vor der Tür der Wohngemeinschaft und verhafteten beide. In Karlsruhe, in der Untersuchungshaft, begannen endlose, wochenlange Verhöre.

Ich war in heller Aufregung, stand doch der Umzug nach Westberlin bevor, ich mußte mich in Heidelberg exmatrikulieren, meine Habseligkeiten einpacken und dies auch in der WG-Wohnung in Stuttgart mit den Dingen meines Mannes erledigen.

Da Klaus und sein mitverhafteter Kommilitone zum Glück immer wieder dieselben, gleichlautenden Aussagen in den Verhören machten, wurden sie wieder freigelassen. Ich erhielt, nachdem ich schon in die Westberliner Wohnung eingezogen war, einen Anruf vom Verfassungsschutz, ich könne dann und dann, dort und dort meinen Mann einsammeln. Sofort fuhr ich zur genannten Raststätte an der Autobahn, um ihn halbwegs wohlbehalten abzuholen.

Der Umzug nach Westberlin fand im Juli 1971 also erst mal ohne meinen Mann statt. Der Umzugswagen wurde vom Verfassungsschutz in Stuttgart verplombt, um in Berlin von einem Verfassungsschutzbeamten in langem Ledermantel freigegeben zu werden. Während das Umzugsgut in den 3. Stock getragen wurde, stand der Verfassungsmensch immer um uns herum. Nachdem alles ausgeladen und in der Wohnung verstaut war, begann dieser Mensch die Umzugskartons einen nach dem anderen zu durchstöbern und ließ alles ausgepackt liegen. Da platzte einem Umzugsmann der Kragen:

Hörnse, Männeken, sehnse die kleene Frau, die is janz alleene. Packen se jefälligst allet wieder ein, sonst brennt hier de Luft!!!

Der Verfassungsschutzmann tat es sogar, und ich hätte den Umzugsmann knutschen können.

Nachdem alles Umzugsgut in der Wohnung stand, es war ja nicht so viel, die Umzugsleute und der Verfassungsschutz aus der Wohnung verschwunden waren, fiel ich erst einmal in mich zusammen. Da klingelte es an der Tür, und zu meiner Freude stand Joachim, der Architekt, der am Projekt „Gesundheitszentrum" mitarbeiten wollte, der dritte im Bunde, mit seinen Möbelpackern davor. Ich war nicht mehr allein in dem ganzen Chaos.

Das wichtigste Möbelstück bei Joachim war der Stutzflügel. Solange er bei uns wohnte, spielte er täglich wunderbare Weisen.

Farbe ins Leben

Jetzt hieß es, die große Wohnung zu renovieren. Sie durfte nicht einfach weiß werden, Farbe mußte an die Wände, bis auf die im Büro und in der Diele. Die Küchenwände erstrahlten in maisgelb, der lange Flur wurde pink gestrichen, das Wohnzimmer in einem leichten Braunton und das Schlafzimmer in dezentem blau. Die Dielen des Wohnzimmers verwandelte ich in eine grasgrüne Fläche.

Für die vielen Türen im Flur wählte ich einen königsblauen Lack. Es waren zehn Türen zu streichen, der eingebaute Geschirrschrank mit Glastüren und der breite Klapptisch. Die Dielen belegte ich mit Tretford-Fliesen in einem dunklen Lila. Der Flur endete in einer Rundung, von der vier Türen abgingen. So mußte ich arg stückeln und schneiden und kleben. Voller Stolz sah ich auf mein gelungenes Werk.

Immer am Sofa lang
Immer am Sofa lang
Da ich schwanger war und schon einen runden Bauch hatte, kam mir bei der Streich- und Teppichverlegearbeit oft der Vergleich: Ich sehe aus wie ein Hängebauchschwein.

Das große Sofa im Wohnzimmer mußte bezogen werden. Ich kaufte ein paar „Kilometer" Stoff und begann, es halbwegs fachmännisch zu beziehen. Das Sofa wurde später für Tochter Clara, als sie anfing zu laufen, eine wunderbare Rennstrecke - und der lange Flur eine Rollschuhbahn.

Joachim hatte sein Zimmer weiß gestrichen, eine Hochebene eingebaut und an der einen Wand einen diagonalen, breiten roten Streifen gezogen. Sah auch schön aus.