Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 8 Achte Etappe: Eine spannende Zeit

Bauprojekte

Im Büro planten wir nun alle zusammen den Entwurf für das erste Gesundheitszentrum in Goddelau bei Frankfurt a.M. So blieb es nicht aus, daß die Jungs auch mal nach Frankfurt fahren mußten, um vor Ort mit den Ärzten zu diskutieren.

Die Arbeit im Architekturbüro tat ich mit Freude. Ich machte die Buchführung, zeichnete mit, fuhr zum Bahnhof Zoo, um in einer entsprechenden Druckerei/Kopieranstalt die Blaupausen herstellen zu lassen und baute, wie schon in Stuttgart, Modelle der Häuser.

Das alte Charlottenburg meiner Kindheit hatte sich verändert. Es war eine neue Straße gebaut worden, die Lewishamstraße, die nach der Partnerstadt Lewisham, einem Stadtteil Londons, benannt wurde. Sie verlängerte die Kaiser-Friedrich-Str. bis zum Kurfürstendamm und verband sich mit der Brandenburgischen Straße. Im Zuge des Ausbaus wurden drei Straßen zerschnitten: Sybelstr., Waitzstr. und Gervinusstr. Die alte Markthalle in der Wilmersdorfer Straße war einem Neubau gewichen und ein neuer, dreieckiger Platz an der Ecke Ku'damm war entstanden: der Adenauerplatz, der 1973 eingeweiht wurde, einen Brunnen und ein Standbild Konrad Adenauers erhielt. Doch der Bäcker in der Wilmersdorfer Str. und das kleine Schreibwarengeschäft aus meiner Kinderzeit existierten noch.

Im Zuge des erhöhten Bedarfs an Verkehrsmitteln wurde die U-Bahnlinie 7 aus der Richtung Kaiserdamm zum Fehrbelliner Platz hin erweitert, und wir konnten vom Balkon aus in das tiefe Bauloch im Ku'damm schauen und die Bauarbeiten verfolgen. 1978 konnte das Teilstück der U-Bahn eröffnet werden und erhielt den neuen U-Bahnhof Adenauerplatz, der für mich fußläufig erreichbar war.

Clärchen ist da

Mein Clärchen
Mein Clärchen
Im Dezember 1971kündigte unser Baby an, auf die Welt kommen zu wollen. Im Krankenhaus ließ es sich aber zwei Tage Zeit damit. Als die Herztöne schwächer schlugen, wurde es per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Ich war stolz auf mein kleines Clärchen mit dem dunklen Haarschopf.

Doch leider hatte ich nicht lange die Freude, sie bei mir zu haben. Ich bekam eine heftige Bauchvereiterung, und Klaus nahm unser Baby mit nach Hause. Inzwischen war meine Mutter angereist, um Kind und Haushalt zu versorgen. Nach sieben langen Wochen konnte ich endlich nach Hause, meine Kleine wiedersehen und selbst versorgen.

Endliche zu Hause
Endliche zu Hause
Sie schlief inzwischen durch, dafür hatte meine Mutter gesorgt, denn nachts stellte sie das Körbchen ins Büro. Auch hatte sie Clara auf Breinahrung umgestellt, dadurch war sie länger satt.

Der stolze Vater
Der stolze Vater
Sie war inzwischen ein richtiges Pummelchen geworden und hatte zu meiner Mutter eine enge Bindung aufgebaut. Logisch, denn meine Mutter war die erste Bezugsperson in ihrem Leben, ich kam dann erst mal als Fremde dazu, die sie nun plötzlich umsorgte und umschmuste. Ich genoss dass Leben als Mutter und Hausfrau.

grundsteinlegung
grundsteinlegung
Das Gesundheitszentrum in Goddelau war inzwischen gebaut, und Klaus, Joachim und Dietrich begannen ein neues Projekt: 2. Gesundheitszentrum in der Gropiusstadt. Inzwischen war die Förderung durch das Gesundheitsministerium ohne Verlängerung ausgelaufen. Doch Klaus fand einen renommierten Architekten in Berlin, der das Projekt Gesundheitszentrum unterstützenswert fand und mit seinem Namen und der Arbeitskraft seines Sohnes die Entwicklung förderte und finanziell mittrug. Am 10.11.1974 fand die Grundsteinlegung statt

Ist was?
Ist was?
Abends fanden mehrmals in der Woche Diskussionen mit den Ärzten, Krankenschwestern und einer Apothekerin statt, um den Inhalt, die Gestaltung des Zentrums und die Ausstattung der Räume festzulegen. In dieser Zeit war in unserer Wohnung immer viel Betrieb und ein ständiges Kommen und Gehen den lieben langen Tag. Im Jahr 1976stand der Bau und das 2. Projekt Gesundheitszentrum nahm seinen bis heute erfolgreichen Gang. Für Clara war ihre Kinderzeit von reger Betriebsamkeit in ihrer Elternwohnung geprägt.

Als Bibliothekarin
Als Bibliothekarin
Das Einkommen aus der Architekturtätigkeit reichte vorn und hinten nicht. So entschloß ich mich schweren Herzens, mir eine Stelle in einer Bibliothek zu suchen. Im Dezember 1974erhielt ich in der Stadtbücherei Charlottenburg ein halbe Stelle in der Jugendbücherei. Nun mußten wir auch überlegen, wo Clara während meiner Arbeitszeit untergebracht werden konnte.

Antiautoritäre Erziehung und Kinderladen

Clara mit anderen in der Danckelmannstraße
Clara mit anderen in der Danckelmannstraße
Wir Studentenbewegten und alten „68er" waren von der „antiautoritären Erziehung" überzeugt. Es gab nur eine Entscheidung: ein Kinderladen mußte gegründet werden. Schnell fand sich in Berlin eine Gruppe alternativ gesinnter Eltern, die einen Kinderladen mit uns gründen wollten. In der Danckelmannstraße in Charlottenburg (Klausenerplatz-Kiez) stand ein altes Ladengeschäft frei, dass günstig zu mieten war. Der Senatförderte damals die „Kinderladenbewegung", und so konnten wir dieses Ladengeschäft mieten und den Kinderladen eröffnen.

Mit den sieben Elternpaaren begannen nun erneut lange Diskussionsabende um den „richtigen Weg" in der Erziehung. Im Nachhinein gesehen haben wir um Nichtigkeiten debattiert, haben vieles falsch gemacht, haben unseren Kindern wenig Grenzen gesetzt und ihnen kaum die Basis für eine verantwortungsvolles Leben geben können. Wir waren eben beseelt von der Ablehnung der bürgerlichen Gesellschaft und wollten unsere Kinder antiautoritär aufwachsen lassen.

Wenn Clara bei meinen Eltern war, erlebte sie eine gegensätzliche Erziehungsauffassung. Meine Mutter hielt natürlich nichts von unserem Protestverhalten und der antiautoritären Erziehung. Ich glaube, sie war bei meinen Eltern glücklicher, als in ihrem - zeitweilig chaotischen - Zuhause.

Ein spannendes Buch
Ein spannendes Buch
Während der Kinderladenzeit sorgten wir Eltern abwechselnd für das Mittagessen und den Weg zum Kinderladen und zurück ins elterliche Heim. Die diversen Autos der Eltern wurden für die Transporte genutzt. So kam ich in den Genuß, einen großen Citroën zu fahren. Dieser Wagen hat eine hydraulische Bremse, und sie durfte nur sehr sanft bedient werden. Das wußte ich zu der Zeit nicht, und so lief der erste Bremsversuch glimpflich ab, die Kinder auf dem Rücksitz landeten nicht an der Windschutzscheibe.

Wenn keine Zeit fürs Mittagessen-Kochen war, fuhr das diensthabende Elternteil mit den Kindern an den Lehniner Platz zum „Athener Grill". Kinder waren dort gern gesehen und unsere Kinder gern Gäste. Der Athener Grill war in einem der Gebäude untergebracht, der zum Gebäudekomplex von Erich Mendelsohn gehörte, Ku'damm Ecke Albrecht-Achilles-Straße.

Es war eine aufregende Zeit mit dem Kinderladen, dem „bewegten" Architekturbüro und dem Wechsel unserer Mitbewohner.

Ölkrise und Todgeburt

Nachdem Joachim eine eigene Wohnung gefunden hatte, zog in sein Zimmer Hans ein. Er studierte Gartenarchitektur und seine Kommilitonen Maria und Klaus waren oft auch bei uns. Mit ihnen fühlte ich mich in der Wohnung sehr wohl, sie hatten mehr Zeit als mein umtriebiger Mann, und wir haben viel geredet und gelacht. Maria und Hans schlossen auch Clara in ihr Herz und spielten oft mit ihr.

Während der ersten Ölkrise, Mitte der 1970er Jahre stand an vier Sonntagen in ganz Westberlin der Autoverkehr still. Es wurden die „autofreien Sonntage" eingeführt. Auf dem Ku'damm flanierten Alt und Jung, Pferdekutschen wurden aus den Remisen geholt und die Fahrräder flott gemacht; die Kinder nutzten zum Rollschuhlaufen die „Rennpiste". Die AVUS und die Stadtautobahn waren Ausflugsziel für Spaziergänger.

„Selbstverständlich" fuhren wir drei jedes Jahr zu Weihnachten nach Westdeutschland, um das Fest mit meinen Eltern zu verbringen. Mit dem vollgepackten Auto, Clara versorgt mit Spielsachen und Bettzeug, standen wir Stunden an der Grenze zur DDR/ BRD auf dem Hinweg und genauso auf dem Rückweg. Aber das „mußte sein", meine Mutter duldete, bis auf einmal, keine Ausnahme.

16 Seiten meines alten Passes sind dicht bei dicht vollgestempelt
16 Seiten meines alten Passes sind dicht bei dicht vollgestempelt
Als Westberliner waren wir in einer einzigartigen, geographischen Lage: überall, wohin wir guckten, war Osten. Das bedeutete für jede Fahrt nach Westdeutschland, zweimal an der Grenze zu stehen, in langen Schlangen zu warten, um dann seinen Ausweis zu zeigen (auf sächsisch: „machen Sie mal das linke Ohr frei") und hoffentlich ohne Durchsuchung des Autos weiterfahren zu können, nachdem in den Pass ein Stempel gedrückt wurde.

Meine Eltern waren inzwischen nach Ober-Erlenbach bei Bad Homburg gezogen. Durch die Nähe zu Frankfurt statteten wir auch immer Klaus' Mutter einen weihnachtlichen Besuch ab. Es waren sehr familiäre Weihnachten, obgleich ich sie am liebsten in Berlin mit Freunden verbracht hätte, aber die Besuche in Westdeutschland hatten auch schöne Seiten!

1976 wurde ich erneut schwanger, doch diese kleine Seele wollte nicht zu der Zeit auf diese Welt. Das Baby wurde tot geboren. So packte ich auch diese schmerzliche Erinnerung in ein weiteres Fach im Hinterstübchen.

Klaus meinte, mit einer Reise nach London käme ich über die traurige Zeit hinweg. Für eine knappe Woche mieteten wir uns in ein Hotel ein. Ich wanderte durch London, sah nichts, hörte nichts, und mein Schmerz verschwand natürlich nicht.

Bauernhaus in Gorleben

Viele Familien aus der Alternativen Szene Berlins hatten sich ein Bauernhaus im Wendland, in der weiteren Umgebung von Gorleben gekauft. In Gorleben sollte ein Endlager für radioaktiven Müll gebaut werden. Trotz jahrelangem Protest der linken Szene, gemeinsam mit der Bevölkerung im Wendland, konnte der Bau nicht verhindert werden. Noch heute ist der Bau als Endlagerstätte für den Atommüll heftig umstritten. Die Castortransporte dorthin werden immer noch von Atomkraftgegners erfolglos bestreikt.

Auch wir planten, ein Bauernhaus zu erwerben und fanden ein altes Fachwerkhaus in Papenrode, in der Nähe von Helmstedt. Es lag zwar nicht im Wendland, aber in der weiteren Umgebung von Lüchow-Dannenberg, und es war preiswert. Das Nachbarhaus bewohnte eine Bäckerfamilie.

Wenn wir in Papenrode waren, bekam Clara von ihnen immer einen langen Rand vom Blechkuchen, ganz so wie ich damals in der Droysenstrasse.

Es war sehr viel zu handwerkeln in dem alten Haus. Mit Ina und einem weiteren Freund kauften wir gemeinsam das Haus, bauten es um und aus und machten dort abwechselnd Ferien. In der ersten Zeit waren wir wegen der Bauarbeiten sehr häufig dort. Das bedeutete immer, durch die DDR fahren zu müssen, die Grenzkontrollen über sich ergehen zu lassen, mit maximal 100 Stundenkilometer über die alte, noch von Adolf Hitler gebaute Autobahn zu hoppeln. Aber so war das für uns Westberliner ...

Wir bauten ein Badezimmer ein, gestalteten die Wohnküche, das Schlafzimmer, das Kinderzimmer und zwei Räume für Ina und den Freund bewohnbar und gemütlich. Außerdem mussten wir eine Klärgrube bauen. Ina und ich machten uns ans Werk und hoben die Grube aus und setzten die Betonringe ein. Wir staunten nicht schlecht über unsere Kraft und sahen voller Stolz auf die gelungene Arbeit. Das Haus umgebende Grundstück war sehr verwildert. Es mußte heftig aufgeräumt und neue Pflanzen mussten in die Erde gebracht werden. Rings ums Haus schachteten wir die Erde aus, um eine isolierende Teerschicht aufzubringen, denn die Wände schienen feucht zu sein.

Außerdem mußte das Holz imprägniert werden. Mit Pinsel und Schäufelchen war Clara immer dabei. Nach zwei Sommern war das Haus fertig eingerichtet, wetterfest und gemütlich. Oft saßen wir in der Wohnküche am Kamin und sangen, lachten und klönten.

An einem Wintertag rief uns der Nachbar (der Bäcker) in Berlin an und teilte uns mit, die Wasseruhr im Keller sei wegen des Frostes geplatzt. Wir mußten also sofort nach Papenrode. Clara wurde bei Hans und Maria zu Hause gelassen, und wir düsten zur Grenze, zuckelten durch die DDR der weiteren Grenze entgegen. In Papenrode stand der Keller unter Wasser. Wir fanden in dem eiskalten Wasser den Absperrhahn und begannen, das Wasser abzuschöpfen: eine eiskalte Viecherei!!!

Zum Glück kam am kommenden Tag ein Installateur und baute eine neue Wasseruhr ein. Für uns war es eine Lehre: vorm Winter Wasser abstellen. Learning by doing. Im Frühjahr trocknete der Keller vollständig aus, und wir hatten nie wieder Probleme mit der neuen Wasseruhr.

Während einer Rückfahrt aus Papenrode machten wir einen Umweg. Auf der Karte hatte ich den Ort Bad Helmstedt gelesen, den wollten wir erkunden.

Es war ein gemütliches, kleines Badeörtchen mit schöner, alter Badehausarchitektur, einem kleinen See mit gemütlichem Café. Wir spazierten um den See, und Clara bekam im Cafe ihr geliebtes Schweineohr zum Kakao.

Netzwerk Selbsthilfe

Im Herbst 1978 wurde Clara in der Goerdeler-Grundschule in der Sybelstr. eingeschult. Da wir mit dem Umzug nach Westberlin in meine alte Kinderheimat zurückgekehrt waren, kehrte meine Tochter auch in meine alte Grundschule ein. In einer Familie gibt es viele rote Fäden, die sich durch Generationen hin mit den Menschen verknüpfen und ähnliche Lebenswege, Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen hervorbringen.

Unsere politische Tätigkeit stand nicht still. Die Regierungen in Westdeutschland und in Westberlin arbeiteten an Gesetzen, die Linken mit Berufsverboten in Schach zu halten. Viele Menschen suchten nach alternativen Ansätzen für die Zukunft und ihre Lebensgestaltung.

An der Technischen Universität in Berlin waren viele Studenten zu sogenannten „Zukunftswerkstätten" zusammengekommen. Der Zukunftsforscher Robert Jungk wurde eingeladen und nahm an vielen Diskussionen und Pläneschmieden teil, wir natürlich auch!

Hier lernten wir Christian, Frederike und Robert Jungk (der Bob) kennen. Daraus entwickelte sich eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, die ein Kind gebar: das „Netzwerk Selbsthilfe". Die ersten Sitzungen des Trägerkreises fanden in unserer Wohnung Kurfürstendamm 71 statt. Im Sommer 1978 wurde der gemeinnützige Verein „Netzwerk Selbsthilfe. Fonds für politische und alternative Projekte" gegründet.

Wir haben vielen Projekten durch die Umverteilung des Geldes der Unterstützer auf die Beine geholfen oder sie am Leben erhalten. Nicht nur Berliner Projekte wurden gefördert, auch Gruppen in Westdeutschland. Das bedeutete aber, daß einige Beiratsmitglieder, z.B. Ina und ich, zu diesen fahren mußten, um sich von deren Förderungswürdigkeit zu überzeugen. Einmal fuhren wir in die Nähe von Frankfurt a.M., um ein Jugendprojekt zu begutachten. Auf den ersten Blick erschienen es Ina und mir förderungswürdig. Beim näheren Betrachten und in Gesprächen mit den „Erziehern" und den Jugendlichen beschlich uns das Gefühl, hier seien Männer zusammengekommen, die ihre pädophilen Neigungen ausleben wollten. Wir lehnten eine Förderung dieses Projektes ab und wandten uns dem nächsten Projekt zu. (Aus heutiger Sicht hätten wir damals unseren Vermutungen nachgehen sollen und dem dortigen Jugendamt gegenüber unsere Bedenken äußern müssen.) Es war eine spannende und arbeitsintensive Zeit.

Für die Organisation des Netzwerks hatten wir inzwischen viele Mitstreiter gefunden, und in Kreuzberg entstand ein alternatives Gemeinschaftshaus: der „Mehringhof" in der Gneisenaustraße, Ecke Mehringdamm. Das Büro zog dorthin um und besteht über die Jahrzehnte hinweg. Der Mehringhof ist nach wie vor Heimstatt für viele alternative Projekte.

Genossenschaftliches Bauen

Ich schaffe es
Ich schaffe es
So ganz "nebenbei" hatte ich auch noch ein Kind und den Haushalt zu versorgen und arbeitete in der Jugendbücherei in Berlin-Spandau. Clara ging zur Schule und ich mußte um 8 Uhr in Spandau sein. Aber in der Zeit und mit dem bewegten Hintergrund war alles zu bewältigen.

Ab Herbst '77 arbeitete ich in der Bücherei nur noch halbtags, da Clara mittags aus der Schule kam. So gab es Zeit, sich um eine neues Projekt zu kümmern: genossenschaftliches Wohnen. Durch die vielen Kontakte im Netzwerk fand sich schnell eine Gruppe von Familien, die auch an gemeinschaftlichem Wohnen interessiert war. Auch hier wieder Diskussionen über wie, wo, mit wem und auf welcher Basis. Viele entsprechend große Häuser wurden besichtigt und verworfen als zu teuer, zu klein, zu groß ...

Die fleißige Bibliothekarin
Die fleißige Bibliothekarin
... bis eines Tages Klaus und ich das Eckhaus Suarezstr./Kuno-Fischer Str. am Lietzenseebesichtigten. Auf den ersten Blick war für mich klar, das und kein anderes Haus möchte ich bewohnen. Schon als Kind war ich oft im Park am Lietzensee zum Spielen gewesen, und auch mit Clara war ich oft dort. Hier hat sie laufen gelernt.

Nach meinen überzeugenden Worten war den übrigen Mitstreitern klar, sie konnten meinen Argumenten nichts entgegensetzen. Ende 1977 wurde das Haus mit zwölf Parteien für 1,2 Millionen Mark gekauft. Jeder Genossenschafter erhielt je nach Geldbeutel entsprechend unterschiedlich viele Anteile. Klaus und ich gaben zwei Bausparverträge mit ein und hatten somit vier bzw. drei Anteile am Haus.

Nun kümmerten wir uns um eine Förderung des Senats von Berlin, der Ende der 70er Jahre genossenschaftlichen Hausgemeinschaften in der Gründungsphase unter die Arme griff. Abgezahlt wurde dieses Darlehen durch Arbeitseinsatz und durch monetäres Abstottern. Abstottern konnten wir nicht, wir waren immer klamm bei Kasse, und so war ich meist im Arbeitseinsatz, um die Eisenträger an der Fassade zu entrosten und mit Schutzfarbe zu bestreichen, den Putz im Innenhof abzuklopfen, Steine für die Wege im Garten zu befördern usw.

Da das Lietzenseehaus ein Eckhaus ist, existieren zwei Hauseingänge. In jeder Etage waren drei Wohnungen: eine im Vorderhaus, eine im Seitenflügel und dazwischen eine kleine Zweizimmerwohnung.

Lietzenseehaus im Jahr des Erwerbs
Lietzenseehaus im Jahr des Erwerbs

Das Haus war äußerlich nicht sehr ansprechend, der Putz war abgebröckelt, die Eisenträger verrostet und die zwei Obergeschosse des Seitenflügels Suarezstr. seit dem Krieg zerbombt. Vor dem Krieg existierte das Gartenhaus, an die Seitenflügel als Querriegel zum See angebaut. Es war während der Bombardements zerstört worden. Das erwies sich zu unserer Zeit als Glück, hatten wir somit einen großen Garten und direkten Zugang zum See.

Im Erdgeschoss gab es eine Rekordwäscherei und Reinigung, eine Drogerie und ein leerstehendes Geschäft. Im Garten bauten wir einen Kinderspielplatz für die zahlreichen Kinder, legten Beete an und mauerten einen Brunnen. Im Seitenflügel parterre lebte lange Jahre vor unserem Kauf ein Chemiker. In seinen beiden bewohnten Räumen hatte er wohl ein kleines Labor, denn beim Ausheben des Bodens für den Spielplatz, buddelten wir merkwürdige Substanzen in Tüten aus, viele kleine Laborgefäße und Fläschchen, die wir zur Sicherheit der Berliner Stadtreinigung übergaben.

Wer will fleißige Handwerker sehen
Wer will fleißige Handwerker sehen (Mai '78)
Dank fleißiger Hände Arbeit wurde im Lauf der Jahre ein Schmuckstück aus unserem Haus. Viel später wurde das Dach ausgebaut, nachdem die Gemeinschaft sich konsolidiert hatte. Einige der anfänglich zwölf Parteien zogen aus, andere kamen dazu, aber es blieben immer zwölf. Alle Wohnungen waren vermietet.So versuchten wir innerhalb von zwei Jahren unseren Mietern Ersatzwohnungen zu vermitteln. Dies gelang uns recht einvernehmlich, und im Lauf der Jahre zogen wir alle in unser Genossenschaftshaus.

Dieses und zwei Nachbarhäuser hatten eine Besonderheit. Die Wohnungen waren in allen Etagen mit Türen verbunden. Die Bewohner dieser Häuser gehörten einer Glaubensgemeinschaft an. Im Parterre befand sich eine Gemeinschaftsküche und eine große Waschküche für alle. Nach dem Krieg wurden die Verbindungstüren zugemauert, die Gemeinschaftsräume aufgelöst.

Um unser Haus mit allem Drum und Dran nach unseren Wünschen zu gestalten, zu renovieren und ausbauen zu können, trafen wir uns in den ersten Jahren wöchentlich, um alles zu planen und zu besprechen. Natürlich gab es unterschiedliche Vorstellungen, aber der Genossenschaftsgedanke war lange Jahre der tragende Grundstein unserer Entscheidungen.

Die Drogerie wurde aus Altersgründen aufgegeben, die Rekordwäscherei fand andere Räume. Wir suchten nach Alternativen und fanden den Betreiber eines Naturkostladens und zwei engagierte, junge Gastwirte, die in der Suarezstraße ein kleines Café mit Bistro eröffneten. Gemeinsam gaben wir diesem den Namen "Stattcafe". Noch heute ist das Stattcafé ein gut besuchter Treffpunkt im Kiez.

Das von Anfang an leerstehende Ladengeschäft in der Kuno-Fischer-Straße nutzte eine Elterninitiativgruppe, um mit vielen Kindern die Räume und den Garten zu beleben.