Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 9 Neunte Etappe: Eine schöne Zeit

Einzug

Frühstück im Garten mit Fam. Magiera und Mutti
Picknick am See
Im Oktober 1980 wurde die Wohnung im Seitenflügel 1. Stock frei. Da die großen Wohnungen nach dem Krieg geteilt wurden, standen uns das „Berliner Zimmer", der lange Seitenflügelflur, zwei Zimmer, Küche, Bad und hinter der Küche eine Kammer mit Fenster zur Verfügung - und wir waren glücklich, endlich einziehen zu können.

Clara wurde in die Lietzensee-Grundschule in der Witzlebenstraße umgeschult und hatte durch den Park einen schönen Schulweg.

Unsere Küche
Unsere Küche

Auch diese Wohnung wurde farbig gestaltet: die Küche wie am Kurfürstendamm maisgelb gestrichen, die Türen bekamen auch hier einen blauen Anstrich, das Wohnzimmer erhielt eine sanfte hellbraune Farbe. Da der lange Flur recht dunkel war, blieb er weiß. Von meiner Tante Liddi bekam ich zu jedem Geburtstag selbstgehäkelte Topflappen, sie zierten von nun an eine lange Wand im Flur. Hier waren große Wandschränke eingebaut, die sich wunderbar zum Verstauen von Tisch- und Bettwäsche und andere Utensilien eigneten.

Drehbuchautorin

Zeitungsbericht
Zeitungsbericht
Seit einiger Zeit hatte ich den Wunsch, einen Kinderfilm zu drehen. Im November 1980 nahm ich Kontakt zu ein paar Gleichgesinnten auf, und wir wählten ein Buch von Christine Nöstlinger, das 1975 verfasste „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse" aus. Zu viert begannen wir das Exposé für das Drehbuch zu schreiben und verschickten es an mehrere Produzenten von Kinderfilmen. Bis auf einen lehnten alle die Produktion ab. Ottokar Runze, der Besitzer des Kino am Steinplatz in Berlin-Wilmersdorf, wollte uns als „Neulinge" unterstützen und sagte zu.

Christine Nöstlinger übertrug uns das Recht, ihr Buch zu verfilmen, und wir begannen mit dem Schreiben des Drehbuchs. Wir hatten viel Spaß dabei, aber auch lange Diskussionen um verschiedene Passagen. Dank der Hilfe einer jungen Filmregisseurin entwickelte sich das Drehbuch zu einer verfilmbaren Version. Herr Runze und sie waren auf ihrer Suche nach Schauspielern und Filmkindern erfolgreich und von Ende März bis Anfang Mai 1982 wurde der Film gedreht.

Heinz Schubert, bekannt als „Ekel Alfred" aus „Ein Herz und eine Seele", bekam eine tragende Rolle. Ich selbst hatte mir für die Zeit Urlaub genommen, denn ich wollte die ganze Filmproduktion miterleben. Auch eine kleine Statistenrolle durfte ich übernehmen. Das waren spannende Wochen!

Genossenschaftliches Wohnen

Spielplatz im Garten des Lieztenseehaus
Spielplatz im Garten des Lieztenseehaus
Nun zurück zum genossenschaftlichen Lietzenseehaus. Unsere Hausgemeinschaft wuchs sehr freundschaftlich zusammen, und alle halfen sich gegenseitig bei Renovierungen, Einkäufen und Ratschlägen jeglicher Art. Die zahlreichen Kinder waren eine eingeschworene Bande, die uns oft mit Streichen überraschten.

In den Wintern war der Lietzensee meist zugefroren, und wir zogen auf unseren Schlittschuhen über den ganzen See. Am nördlichen Seeteil lag das Hotel Seehof. Sie hielten für alle Schlittschuhläufer heiße Getränke und kleine Leckerbissen bereit. Dem sprachen auch wir gerne zu.

Vom Kinderspielplatz aus war der Garten abschüssig zum Lietzensee hin. War der Hang schneebedeckt, war er ein ideales Rodelgebiet für unsere Kinder. Einmal fuhr Clara mit ihrem Schlitten direkt in den See, das Ufer war noch nicht ganz zugefroren. Durchnäßt und schlotternd kam sie nach Hause. Dank eines heißen Bades hat sie sich nicht erkältet.

Urlaub in der Schweiz

Davos 1981
Davos 1981
Fast gleichzeitig mit uns zog die Familie D. ins Haus. Sie hatten zwei eigene Kinder und einen als Pflegekind aufgenommen Jungen. Clara und die Drei verstanden sich so gut, daß wir gemeinsame Ferien planten. 1981 fuhren wir in den Großen Ferien alle zusammen in ein altes Bauernhaus bei Davosin der Schweiz. Es war ein schönes, verwittertes Holzhaus mit zwei Etagen. Das Erdgeschoß nahm eine große Wohnküche mit einer gemütlichen Sitzecke ein, in der wir Eltern abends saßen und über unsere Kinder und den vergangenen Tag sprachen und Pläne für den kommenden Tag schmiedeten.

Die ganzen vier Wochen strahlte die Sonne vom Himmel. In der Nähe gab es ein großes Freibad, das wir oft besuchten, wenn wir nicht gerade wandernd unterwegs waren.

Davos 1981
Davos 1981
Das Haus hatte eine Heißluftheizung eingebaut. Um die Wärme der Wohnküche in den ersten Stock zu transportieren, war in die Decke eine Klappe eingebaut. Eines Abends hörten wir von der Decke her ein Kichern. Erstaunt guckten wir alle hoch und aus der geöffneten Klappe schauten uns lachende Kinderköpfe an. Wir erfuhren nie, wie lange sie uns schon belauscht hatten.

Die Umgebung lud natürlich zu Wanderungen ein. Auf diesen Wegen gab es für die Stadtkinder viel zu entdecken und zu bestaunen. Eines Abends lagen wir auf der Wiese vor dem Haus und bestaunten den Sternenhimmel. Da die Luft um Davos herum sehr klar und rein ist, nicht ohne Grund ist es ein Luftkurort und Thomas Mann hat seinen Roman „Der Zauberberg" hierher verlegt, konnten wir tausende von Sternen sehen. Es war Mitte August, und es regnete Sternschnuppen. Wir überboten uns im Zählen.

Urlaub in Griechenland

So zogen wir zum Strand
So zogen wir zum Strand
Lecker, lecker
Lecker, lecker
Im Jahr darauf fuhren wir wieder gemeinsam in die Großen Ferien. In Griechenland auf der Halbinsel Euböahatten wir fast am Strand Quartier in einem Ferienhaus und wurden von Mama Heleni aufs Beste versorgt.

Gleich am ersten Tag wollte Oliver, der Pflegesohn, angeln gehen. Er saß nur in kurzen Hosen am Meer. Am Abend erschien er zum Essen mit krebsroter Haut und klagte. Mama Heleni rannte in ihre Küche, kehrte mit einem Kanister Olivenöl zurück und begoß Oliver von oben bis unten mit diesem Öl. Unter Gejammere massierte sie es auf Olivers Haut ein. Zwei Tage später, nach weiteren Ölungen, war von dem heftigen Sonnenbrand nichts mehr zu sehen.

Wir hatten in der Nähe eine menschenleere Bucht entdeckt, zu der wir Tag für Tag mit Verpflegung für alle wanderten. Da alle Kinder schwimmen konnten und mit Schnorcheln ausgestattet waren, konnten wir unbesorgt sein. Die Felsen luden zum Springen und Klettern ein, und wir entdeckten zahlreiche Höhlen im Fels.

Emböa 1982
Emböa 1982
Erzählstunde
Erzählstunde
Wer fängt einen Fisch?
Wer fängt einen Fisch?

Einer der regelmäßigen Gäste bei Mama Heleni baute sich gerade ein Haus an der Küste. Er lud uns ein, sein Werk zu besichtigen. Es war zur Zeit des Sonnenuntergangs, und im Osten stieg gerade der Mond aus dem Wasser. Er war riesig und knallorange, wie eine Apfelsine. Dieses beeindruckende Schauspiel der Natur habe ich nicht vergessen.

Zum zweiten Mal Mutter

Tine in der Kiste
Tine in der Kiste
Im Jahr 1982wurde ich noch einmal schwanger. Ich freute mich auf diesen Nachzügler, war Clara doch schon fast 11 Jahre alt. Am 31.12.82 wurde Bettina kurz vor Mitternacht per Kaiserschnitt auf die Welt geholt.

Die zweite Mama
Die zweite Mama
Die kleine Kammer hinter der Küche wurde ihr Kinderzimmerchen. Wenn ich in der Küche war, hörte ich sie in ihrem Bettchen vor sich hin plappern. Es war zu süß, welche Töne sie von sich gab. So hatte ich das bei Clara ja nicht erleben dürfen.

Kooperativhaus in Südfrankreich

Klaus' Ideenreichtum, alternative Projekte zu entwickeln, war unerschöpflich. Eine Ferienkooperative sollte erschaffen werden. Das erste Kooperativhaus (gemeinschaftlich finanziert) entstand in Südfrankreich, in Roquecave. Es war ein altes Anwesen mit einem großen Steinhaus und einem langen Nebengebäude, eingebettet in einen üppigen Garten.

Im Sommer 1983 fuhren wir mit Sack und Pack dorthin, um es zu besichtigen und einzuweihen. Mit von der Partie waren zwei befreundete Familien. In der Nähe wohnte Bettina von Arnim, eine Künstlerin und Nachkomme des Dichters Achim von Arnim. Mit unseren Kindern besuchten wir sie. „Ach da ist ja die kleine Tine" sagte sie erfreut. Seit dem wird Bettina Tine genannt.

Wir eroberten den Garten, durchstöberten die Häuser und entdeckten die Umgebung, die vor Hitze nur so knisterte. Wir richteten einen Grillplatz ein, und an den Abenden durchzog den Garten der unwiderstehliche Duft von Gegrilltem.

Uralte Bäume reckten sich in den Himmel. Sie waren von dicken Efeuranken überwuchert. Einer dieser Bäume war vom Efeu gänzlich „verarbeitet" worden. Der Stamm war nicht mehr zu sehen. Der Efeu hatte im Umfang des Baumes ein Rankgerüst entwickelt, das wie geflochten aussah und hoch, wie der ehemalige Baum, dort stand. So etwas Schönes hatte ich zuvor nie gesehen.

Im Jahr 1984 wurde im Lietzensee-Haus im 4. Stock eine 4-Zimmerwohnung frei. Da wir nun zu viert lebten, war eine größere Wohnung erstrebenswert, und wir zogen vom ersten in den vierten Stock innerhalb des Hauses um. Ich räumte mir ein eigenes Zimmer ein, Klaus konzipierte ein großes Bad mit überdimensionierter Badewanne, Dusche und separatem WC. Der Küche wurde das anschließende Zimmer zugeschlagen, so daß eine große Wohnküche entstand.

Es war eine schöne Wohnung!!!