Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 10 Zehnte Etappe: Trennungen und andere Veränderungen

Scheidung

Wir führten von Anfang an eine „offene Ehe", mein gebrochenes Verhältnis zur Sexualität nährte dies, und wir waren ja „alte 68er".

Seit einiger Zeit war ich nicht mehr glücklich mit unserem Zusammenleben, von einem Liebesverhältnis war keine Rede mehr. Klaus war ständig unterwegs und „tanzte auf tausend Hochzeiten", mir blieben Arbeit, Haushalt und Kinder.

Ein Jahr lebten wir in der neuen Wohnung, da eröffnete mir Klaus, seine Geliebte Wally bekäme ein Kind von ihm. Er stellte sich vor, von der Nachbarwohnung ein Zimmer dazu zu kaufen und fröhlich mit uns, Wally und dem neuen Kind zusammen zu leben.

Während Klaus mit Tine für eine Woche an der Nordsee war, plante ich meine Scheidung. Ich kopierte alle notwendigen Unterlagen, suchte mir eine Anwältin und setzte Klaus bei seiner Rückkehr vor vollendete Tatsachen. Er packte seine Siebensachen, händigte mir Wohnungsschlüssel und Auto aus und verschwand zu Wally in die Trendelenburgstraße. 1985 wurden wir geschieden.

Kommentar meiner Mutter:

Ich hab dir schon von Anfang an gesagt, mit dem Mann wirst du nicht glücklich und lange zusammen sein!

Nun begann für uns drei, Clara, Tine und mich, eine Zeit des Umbruchs. Ich mußte wieder ganztags arbeiten, Tine war im Haus in der Kita, und Clara wechselte auf die Oberschule. In Neuwestend wurde sie ins dortige Gymnasium eingeschult.

Auf der Such nach der Identität

Ich war seit langer Zeit auf der Suche nach meiner Identität. Ich tendierte immer dazu, eher Frauen als Männer zu lieben. Nun wollte ich es wissen. Die Volkshochschule Tiergarten bot einen Kurs an: „Wenn Frauen Frauen lieben". So ließ ich Clara und Tine am Abend allein, um an diesem Kurs teilzunehmen. Viele Frauen tauschten sich aus über ihr Leben und die Irrungen und Wirrungen auf der Suche nach der richtigen Richtung ihrer Gefühle. Eine Frau imponierte mir besonders, Christiane, die voll Selbstvertrauen war. Wir beide verliebten uns ineinander.

Die Antwort meiner Mutter auf mein Geständnis, daß ich Frauen liebe, war: „Ich glaub, du tickst nicht richtig!!!" Mein Stiefvater im Hintergrund meinte: "Aber Urselchen, sie ist doch alt genug, um zu wissen was sie tut!"

Von nun an stand ich ständig zwischen Baum und Borke. Einerseits hatte ich zwei liebe Kinder und meinen Haushalt, andererseits war ich frisch verliebt und wollte meine neu entdeckten Gefühle ausleben.

Weitere Trennungen

Clara und Tine im Zoo
Clara und Tine im Zoo
Clara und Tine ließ ich deswegen oft abends allein, ein paar mal auch über Nacht. Christiane war auch manchmal bei uns zuhause. Aber meine Kinder mochten sie nicht, besonders Clara war sehr ablehnend ihr gegenüber. Hatte sie doch gerade durch die Scheidung ihren Vater „verloren" und ihre Mutter war auf dem Weg in ein verändertes Leben.

Sie reagierte mit Protesthandlungen, stahl mir Geld, log mich an und wurde in der Schule immer schlechter. Für sie waren diese ganzen Turbulenzen nicht zu verstehen, und ich verstand ihr Verhalten nicht als Hilferuf.

Mit meiner Mutter telefonierte sie wohl oft und bat sie auch, sie bei sich in Ober-Erlenbach aufzunehmen. Doch das wollte Mutti, so nannte Clara sie von Anfang an, nicht. Sie riet mir, ein Internat für Clara zu suchen. Schweren Herzens stimmt ich dem zu, wußte ich doch selbst nicht „aus noch ein".

Die Suche nach einem guten Internat gestaltete sich langwierig und reiseintensiv. Wir sahen z.T. Internate, die man nur als Zöglingsanstalten bezeichnen konnte. Wir reisten von Süd nach Nord, sogar auf eine Internatsinsel in der Nordsee. Doch letztendlich bei Lüneburg im Internat Marienau war unsere Suche glücklich beendet. Clara bekam hier einen Platz im Internat, das dank der Leitung reformpädagogisch geprägt war und einen sehr erfrischenden Eindruck auf uns beide machte.

Gemeinsam mit meinen Eltern, Klaus und mir stemmten wir die hohen, monatlichen Kosten. Ab der 9. Klasse erhielt Clara ein halbes Stipendium, das unser aller Geldbeutel etwas entlastete.

Ich war erleichtert, aber auch voller Schuldgefühle Clara gegenüber. Ich liebe dieses Kind, war aber nicht fähig, ihr weiterhin ein behütetes Zuhause zu bieten.

Im Juni 1992 legte Clara ihr Abitur in Lüneburg ab. Sie kehrte nach Berlin zurück und wohnte in der inzwischen verwaisten Wohnung ihrer Großmutter.

Clara wollte gern für ein Jahr als „Aupair" nach Amerika. Ein Führerschein war Voraussetzung. Im späten Herbst flog sie dann mit Führerschein in der Tasche, einem sicheren Platz in einer Rechtsanwalt-Familie in Washington, D.C. und entsprechendem Gepäck in die USA. Bei dieser Familie wurde sie aufgenommen wie eine Tochter. Die beiden zu versorgenden Kinder waren leicht zu händeln und sie fühlte sich sehr wohl.

Auch für Tine endete unser Zusammenleben. Klaus wollte sie zu sich, Wally und ihrem gemeinsamen Kind Anna nehmen, da ich offensichtlich nicht in der Lage war, Kinder zu erziehen. So zog meine süße Tine in die Trendelenburgstrasse und später mit ihnen nach Freiburg. Für Tine zahlte ich laut Vereinbarung einen monatlichen Unterhalt an Klaus. So war ich während Claras USA-Aufenthalt nicht auch noch mit ihrem Unterhalt belastet, da die Au-Pair-Zeit nicht als Ausbildungszeit gilt..

Leben mit Christiane

Ich gab die Wohnung in der Kuno-Fischer-Str. auf, Klaus vermietete sie an Freunde. Ich zog bei Christiane in Berlin-Grunewald, Douglastraße, in ihre Wohnung ein.

Auch hier gibt es ein gewisses Rotes Band in der Familie. Auf dem Grundstück in der Douglasstraße stand früher eine verlassene Villa, die Klaus und ich während der Suche nach einem Genossenschaftshaus besichtigt hatten. Es war inzwischen leider abgerissen und im ehemaligen Garten waren zwei Schuhkartons ähnliche Häuser entstanden.

Zwischenzeitlich hatte Klaus für seine Mutter eine 2-Zimmerwohnung im Nachbarhaus gemietet, und sie zog nach Berlin.

Nun lebte ich mit Christiane in Grunewald, in ihrer Eigentumswohnung. Ich war glücklich, mein eigentliches Leben gefunden zu haben. Wir waren viel in der entsprechenden Szene unterwegs, buchten zusammen einen Tanzkurs und unternahmen jedes Jahr eine langwöchige Reise in die USA. Mit dem Wohnmobil bereisten wir im Laufe der Jahre alle Staaten von der Westküste bis in die Mitte der USA und British Columbia in Canada. Es waren immer ereignisreiche und spannende Wochen, und ich legte bald meine Scheu ab, englisch zu reden.

Auf der ersten Reise erlebte ich, wie sich die Einreise auf amerikanischem Boden abspielte: Auf dem Flughafen mußten alle Passagiere durch das „Einwanderungsbüro". In langen Schlangen schoben sich die Menschen durch die Schalter, um „abgestempelt" zu werden. Ich war vor Christiane abgefertig, und sie bat mich, einen Gepäckwagen zu organisieren. Ich hatte keine Münze, und es stand ein Wagen herum, in dessen kleiner Ablage sich viele Papierseiten knauschten. Ich nahm ihn froh an mich, wollte die Koffer hinauf heben und hörte ein lautes Gebrüll: „Where is my office!!!???" Ein Mann in Uniform stürzte  mir mit wütendem Blick entgegen.

Dieser Gepäckwagen mit dem zerknautschten Papier war offensichtlich sein Arbeitsplatz. Ich, das erste Mal in den USA, murmelte etwas Entschuldigendes, übergab dem Mann den von mir ergatterten Wagen und wäre am liebsten, wie früher, in einem Mauseloch verschwunden. Nun wußte ich aber ein für alle mal, wie sich die Einreise gestaltet: Nie einen „freilaufenden" Gepäckwagen nehmen!

Bryce Canyon (Utah)
Bryce Canyon (Utah)
Auf diesen Reisen durften wir durch traumhaft schöne Landschaften fahren. Hinter jeder Ecke eröffnete sich ein neues Naturwunder. Oft versetzte ich mich in die Situation der ersten Siedler, die aus dem Osten der USA mit ihren Planwagen in das „gelobte" Land im Westen  zogen, und ich durfte dies auf so bequeme Weise mit dem rollenden Haus und staunenden Kinderaugen tun. Ich war immer wieder aufs Neue überwältigt von der Schönheit und Vielfalt dieses Landes.

Grand Canyon (Arizona)
Grand Canyon (Arizona)
Als ich am Rand des Grand Canyonstand und in die tausend Jahre alte Geschichte hinunterblickte, die mir zu Füßen lag, kam ich mir vor wie ein Sandkorn, das für den Schnips eines Augenblicks auf dieser Welt ist.

Zurück in Berlin, fragte ich mich immer, was mache ich eigentlich hier?

Wendezeit

Im Herbst 1989 überschlugen sich die Ereignisse in der DDR, friedliche Bürgerproteste („Wir sind das Volk"), eine Massenflucht nach Ungarn und über 100 Menschen in der Ständigen Vertretung Westdeutschlands in Ostberlin, zwang die SED-Führung zu Reaktionen. In der UdSSR war Gorbatschow an der Macht, und viele DDR-Bürger hofften auf ein Einlenken seinerseits.

Am 9. November 1989 erklärte Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz gegen 19 Uhr,

Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.

Und auf Nachfrage setzte er hinzu

Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.

Die Mauer war gefallen.

Christiane und ich hörten dass in den Nachrichten und konnten es nicht glauben. Aber die lange eingesperrten DDR-Bürger stürmten die Grenzübergänge. Zu Tausenden strömten sie nach West-Berlin. Wir fuhren erst am nächsten Tag zur Glienicker Brücke, und es bot sich uns ein wunderbares Schauspiel. Aus Potsdam liefen die Menschen zu Fuß und fuhren im Schritttempo in ihren Trabbis. Es flogen Blumen, Sektflaschen wurden über die Autos gegossen, und alle waren außer sich vor Freude. Uns sprachen zwei junge Menschen mit der Bitte an, sie zum Ku'damm zu fahren. Selbstverständlich taten wir das.

Noch heute fahre ich voller Ehrfurcht über die Glienicker Brücke, ein besonderes Symbol des Kalten Krieges. Auch in den ersten Jahren der freien Fahrt nach Westdeutschland überkam mich immer noch ein beklemmendes Gefühl in Höhe des ehemaligen Grenzübergangs Dreilinden.

Ruhestand mit 50

Seit 1991 war ich nicht mehr in der Jugendbücherei in Spandau beschäftigt, sondern war ins Mittelstufenzentrum in Spandau-Hakenfelde „umgezogen", in der trügerischen Hoffnung auf eine Beförderung. Mir gefiel die Arbeit mit den Jugendlichen, aber meine Chefin war mir nicht wohlgesonnen. Alles was ich tat, war nicht richtig.

Ich hatte Veränderungsideen, hatte zu etlichen Jugendlichen guten Kontakt und hielt zweimal einen Vortrag über meine Erlebnisse in den Lavafeldern in den USA, ausgestattet mit vielen Demonstrationsobjekten in Form von Steinen und Bildern. Das war offensichtlich zu viel Einsatz in ihren Augen.

Meine rheumatischen Beschwerden nahmen in dieser Zeit so heftig zu, daß ich mich im November 1993 zur Untersuchung in ein Krankenhaus begab. Für drei Monate wurde ich aus dem Verkehr gezogen, zwei Wochen Krankenhaus mit tausend Untersuchungen und anschließend eine Anschlußheilbehandlung in Bad Bramstedt.

Laut Beamtengesetz mußte ich nach dieser langen, gesundheitlich bedingten Arbeitspause zum Amtsarzt. Voller Sorge ging ich ins Gesundheitsamt. Im amtsärztlichen Zimmer saß eine Frau, die mich sehr an meine alte Lehrerin aus der Grundschule erinnerte.

Aber diese Amtsärztin lächelte mich an und fragte: „Frau Thilo, wie kann ich Ihnen helfen?" Ich war zuerst verwirrt und erzählte ihr dann von meinen körperlichen Beschwerden. Von einer auf die andere Stunde war ich im zeitweiligen Ruhestand mit gerade 50 Jahren. Ich war happy!!! Mußte ich doch von nun an nicht mehr mit dieser Chefin arbeiten. Nach zwei Jahren wurde ich dann in den endgültigen Ruhestand versetzt. Dass ich dann weniger als die Hälfte meines Gehaltes als Pension bekam, war mir egal.

Christiane war inzwischen auf eine sehr gut dotierte Stelle im Potsdamer Finanzministerium gewechselt, und so war die finanzielle Seite für uns beide gesichert.

Erneute Trennung

Nach einigen Jahren wurde unser häusliches Miteinander in jeder Hinsicht spannungsloser. Ich war für Christiane nicht mehr so interessant, ich konnte und wollte nicht streiten. Diese Auseinandersetzung fehlte ihr aber. Diese Streitlust brachte sie mit einer Arbeitskollegin zusammen. Sie zog aus ihrer Wohnung aus, denn sie sagte:

Wer fremd geht, sollte die Wohnung verlassen.

So blieb ich betrübt in der Douglasstraße. Nach vielen Monaten war ich innerlich bereit, mir eine eigene Wohnung zu suchen.

Mit immer derselben Gruppe Wohnungssuchender zog ich von Angebot zu Angebot. Langsam lichtete sich diese Gruppe, und auch ich war eines Tages nicht mehr dabei.