Ute-Ilse Thilo: Wanderung durch mein Leben, Kapitel 11 Elfte Etappe: Töchter und Enkel

Meine Töchter

Am Bechstedter Weg fand ich 1996 eine schöne 2-Zimmerwohnung mit Balkon. Leider lag sie direkt an der Stadtautobahn, an der ich 1957 schon einmal wohnte. Aber dank der Schallschutzfenster war es bei geschlossenen Fenstern nicht laut. Der Balkon hatte die einzige Funktion, meine Blumenkästen zu halten. Zum Sonnen oder dort frühstücken oder die Abendsonne zu genießen war er leider wegen des Verkehrslärms nicht zu gebrauchen.

Tine war inzwischen mit der Familie nach Freiburg umgesiedelt und besuchte mich in den Pfingstferien regelmäßig. Es waren Tage der Aussprache und des schönen Beisammenseins.

Der Kontakt zu Clara war sehr eingeschränkt. Die ganzen Umbrüche in unserer Familie, die ich mit ausgelöst hatte, machten ihr offensichtlich sehr zu schaffen. Bis heute konnten wir die Gegebenheiten nie ganz auflösen.

Ich hatte ihr wohl, ohne es zu ahnen, das Motto meiner Großmutter Oehler mit auf den Weg gegeben:

Was da drin ist geht niemanden etwas an.

Auch hatte ich, wie mir Clara viel später gestand, ihr wohl nie gesagt, daß ich sie liebe.

Ende der 1980er Jahre starb mein geliebter Stiefvater, und meine Mutter wohnte inzwischen - kurzzeitig mit ihm zusammen - in einer Seniorenresidenz in Bad Homburg. Sie hatte mir die Wohnung in der Friedrichsruher Straße überschrieben, damit ich im Erbfall nicht mit meinem, nicht gerade liebreizenden Bruder in Konflikt gerate.

Als ich nun am Bechstedter Weg wohnte, entschloss sie sich, auch nach Berlin zu ziehen. Ich ließ die Wohnung altersgerecht umbauen, renovieren, eine neue Küche einbauen und die Fenster ringsum mit gutem Schallschutz ausstatten. Da sie mir freie Hand bei den Arbeiten ließ, richtete ich die Wohnung so her, als würde ich später selbst einmal dort wohnen, es war ja meine eigene Eigentumswohnung, im 5. Stock mit Fahrstuhl.

Ich werde Oma

Ende 1993 kehrte Clara nach Berlin zurück. Sie schrieb sich an der Technischen Universität ein, um Gebäudetechnik zu studieren. Klaus legte ihr nahe, vorher ein Praktikum in einer Baufirma zu absolvieren und vermittelte ihr einen Platz.

Die stolze Oma
Die stolze Oma
Hier lernte sie Walter R. kennen und lieben. Ein Kind wuchs in ihr, und im August 1995heirateten Clara und Walter. Wegen des gespannten Verhältnisses zwischen Clara und mir erfuhr ich zunächst nichts von ihren Plänen. Erst kurz vor der Geburt meines Enkels erfuhr ich von ihrer Ehe, um dann nach dem 26. November 1995 René Oliver als stolze Großmutter in den Armen zu halten.

Clara begann ihr Studium an der TU Berlin, und ich wurde zur Tagesoma. Es hat mir viel Spaß gemacht, auf den Kleenen aufzupassen, mit ihm zu spielen und herum zu albern. Dann ereilte Clara die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Sie nahm es nach außen hin sehr gelassen auf.

Nun begann die Chemotherapie, sie verlor ihre schönen, langen Haare, und es schlauchte sie mächtig. Wie gut, daß ich im Ruhestand war und Zeit hatte, um ihr in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen und sie zu entlasten. Tapfer und voller Zuversicht hat Clara die schwere Krankheit besiegt, aber sie mußte ihr Studium aufgeben, da sie dreimal eine wichtige Klausur nicht bestand.

Na wohin nun?
Na, wohin nun?
Am Fenster
Am Fenster
Im Mai 1998 fuhr die gesamte Familie - Clara, Walter, Rene', Tine, ich und meine Mutter - in die Toskana. Wir mieteten ein Ferienhaus mit einem großen Pool in der Nähe von Florenz. Da ich kurz vorher einen Italienisch-Kurs besucht hatte, konnte ich mit meinen wenigen, gelernten Worten beim Einkaufen u.a. etwas aushelfen.

Wir schlenderten durch das wunderschöne Florenz, fuhren durch die hügelige Landschaft der Toskana und genossen den Garten und den Pool. Es waren harmonische, unbeschwerte Wochen, und wir hatten viel miteinander zu lachen.

Clara hat das Abitur bestanden
Abitur bestanden
Tine
Tine
Im Jahr 2001 legte Tine in Freiburg ihr Abitur ab.

Mit ihrem damaligen Freund Daniel zog sie nach Berlin-Friedrichshain, um Modedesign zu studieren.

In Paris, bei einem kleinen Modestudio, und in Kopenhagen absolvierte sie ihre Praktika und schloß mit einer fulminanten Modenschau ihr Studium ab. Ich war stolz auf meine jüngere Tochter.

Auf- und Ausräumen

In meiner Wohnung am Bechstedter Weg hatte ich viel Zeit, über mein Leben und meine „Fehler" nach zu denken. Der Wunsch, mein Hinterstübchen aufzuräumen und die versiegelten Türen zu öffnen, brachte mich im Jahr 2000 ins „Zentrum für Lebensenergie" nach Neukölln in die Weserstraße.

Ursa in Portugal
Ursa in Portugal
In vielen Therapiestunden, Wochenenden in Kassel, dem Haupthaus, zwei Seminaren in Portugal und heilenden Behandlungen durch die Gründerin des „Zentrum für Lebensenergie/ Heilhaus" Ursa Paul, begann das Auf- und Ausräumen der schlimmen Erlebnisse meines Lebens. Es waren ein paar schmerzliche, aber sehr erleichternde Aufarbeitungsjahre.

Im Traum durchlebte ich die Totgeburt meines 1976 verstorbenen Söhnchens noch einmal und konnte ihn für mich in Gedanken in einer kleinen Bucht bei Salema in Portugal, die ich auch im Traum gesehen hatte, endlich beerdigen und somit dieses Hinterstübchen-Zimmer aufräumen.

Ich in Portugal
Ich in Portugal
Auch die prägenden Erlebnisse mit meiner Großmutter habe ich in mehreren Anläufen und nach einem stellvertretenden Boxkampf mit Ursa in Salema bearbeiten und somit auch diese Erinnerungen verblassen lassen.

Aber hundertprozentig ist so ein Erlebnis nicht zu tilgen, es ist wie ein zwar matter Schatten immer noch vorhanden.

Für fast 3 Jahre war das „Zentrum..." für mich heilende Heimat. Ich übernahm notwendige Dienste, die kleine Bücherei, wurde Tagesoma bei einem „Zentrumskind" usw.

Dann nabelte ich mich als „geheilt" ab, sonst wäre ich zu tief eingesogen worden und hätte mich nicht mehr frei gefühlt.